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Überblick

  • Wenn junge ArbeiterInnen der nordkanadischen Bergbauindustrie ihre erste Schicht antreten, ändert sich ihr Leben schlagartig.
  • Das Bergbauleben ist geprägt durch einen hochregulierten Alltag in intensiven Zwei- bis Drei-Wochen-Schichten, ein ungewöhnlich hohes Einkommen und gleichzeitig hohe Unsicherheit durch befristete Verträge aufgrund der sogenannten „Boom und Bust-Zyklen“, die durch die starken Dynamiken auf den Rohstoffmärkten entstehen.
  • Als Teil eines Forschungsprojekts klären erfahrene FernpendlerInnen in einem „Mobile Workers Guide“ angehende BergarbeiterInnen über die besondere Beschaffenheit der Industrie auf und erleichtern somit den Einstieg in den Sektor.

„Zwei bis drei Wochen leben die BergarbeiterInnen, aber auch das Management, das Administrations- und Servicepersonal in Camps nahe der Mine. Zwölf Stunden hat ein Arbeitstag ohne einen Tag Pause dazwischen. Viele kommen von weit her, aber auch die ArbeiterInnen aus angrenzenden Gemeinden sind meist sogenannte FernpendlerInnen, denn nur so ist routinierte Arbeitsorganisation in der Mine möglich. Mitunter leben zwei- bis dreihundert Personen, aber auch oft nur ein Dutzend Menschen, in den Camps. Es ist dort eng und Privatsphäre nur schwer zu erlangen. Aber man ist respektvoll, denn Disziplin im Zusammenleben ist essenziell für ein gutes Leben in den Camps. Zu Hause sind die Frauen meist Teilzeit-Alleinerzieherinnen und die Männer fühlen sich oft nur als Gäste, wenn sie für etwa zwei Wochen auf Zwischenschicht heimkommen. Aber es geht auch anders. Jene, die schon seit vielen Jahren fernpendeln, haben ihre Beziehungen und das Familienleben gut auf die Umstände eingestellt und die Scheidungsraten sind nicht höher als im nationalen Durchschnitt“, Gertrude Saxinger/Projektleiterin

Das Leben und Arbeiten rund um die Bergbauindustrie im Yukon Territory, aber auch anderswo, ist gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn man nicht weiß, was es umfasst. Und da der monetäre Anreiz genügt, um stets genügend ArbeiterInnen anzuheuern, fühlt sich niemand verantwortlich, die jungen Menschen auf diese fordernde Tätigkeit vorzubereiten. Den Herausforderungen des Lebens auf Achse stellen sich die Projektleiterin Gertrude Saxinger und Ph.D. Studentin Susanne Gartler vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie mit ihrem sogenannten „Mobile Workers Guide“. Im Rahmen des kanadisch-österreichischen Forschungsprojektes „LACE – Labour Mobility and Community Participation in the Extractive Industry - Yukon“ generieren sie gemeinsam mit der First Nation-Gruppe Na-Cho Nyäk Dun aus dem Dorf Mayo wertvolles Wissen rund um lokale indigene Gruppen und ihr Verhältnis zur kanadischen Bergbauindustrie. Ein Produkt der reziproken Zusammenarbeit ist eine praktische Broschüre, die wichtige Informationen an die nächste Generation der BergarbeiterInnen vermittelt.

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In kleinen Kapiteln fasst das Team gemeinsam mit VertreterInnen der Na-Cho Nyäk Dun First Nation in einer Art Story Book zusammen, wie sich das Leben auf Achse meistern lässt. Wie kommt man überhaupt zu einem Job in der Bergbauindustrie und was bedeutet es, für eine längere Zeit völlig isoliert im Gebirge zu leben? Wie gehe ich damit um, dass mein Arbeitgeber nicht nur den Arbeitsalltag bestimmt, sondern auch das bleibende Privatleben im Camp vorgibt? In einer zugänglichen Sprache und mit vielen Beispielen aus verschiedenen Gemeinden im Yukon Territory hält der Ratgeber Antworten auf wichtige Fragen parat, die nur zu selten gestellt werden. Themen rund um Familienleben, Drogen und Alkohol werden angeschnitten, auch zum Finanzmanagement gibt die Broschüre praktische Tipps:

Wie gehe ich damit um, plötzlich viel Geld zu haben, gleichzeitig aber nicht zu wissen, wann der nächste Auftrag ruft? Denn ein Verdienst von 2.500 Dollar pro Woche ist im Bergbau keine Seltenheit.

„Obwohl diese Jobs psychisch mehr abverlangen als die meisten Jobs und es eine hohe Abbruchquote gibt, werden die Eigenheiten der Branche auch in den Schulen kaum thematisiert“, erklärt Saxinger. Aus diesem Grund referierte das Team unter anderem auch in örtlichen Schulen, bei Lagerfeuer-Treffen und Townhall-Meetings, um Newcomer, aber auch die allgemeine Bevölkerung über diese Industrie aufzuklären. Diese Vermittlungsinitiativen reihen sich in das übergeordnete Forschungsprojekt ein, das die Machtverhältnisse und Interaktionen zwischen der Extraktionsindustrie und den indigenen Gemeinden beforscht. Diesem Forschungsziel nähern sich die Wissenschafterinnen mittels „community based research“. Das ist ein Forschungszugang, der auf einer strategischen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Feld basiert und den Forschungsprozess partizipatorisch gestaltet. Mit einfach geschriebenen thematischen Broschüren, dem „Mobile Workers Guide“, Berichte für das First Nation Government und einem Kurzfilm für die Community werden die Forschungsergebnisse an die breite Öffentlichkeit kommuniziert.

Das Projekt ist bewusst so konzipiert, dass im Sinne einer wechselseitigen Win-win-Situation die Forschenden zunächst ihre Forschungslücke mit wertvollen Erkenntnissen füllen können, jedoch darüber hinaus auch die First Nation Communities von dem Forschungsprozess profitieren.

So kommen zu den üblichen wissenschaftlichen Publikationen und Erkenntnissen für die Lehre eine Reihe an zielgerichteter Initiativen, die das gewonnene Wissen direkt wieder in die Community zurückspielen, um dort konkret etwas zu verändern. Dazu zählt auch der beschriebene „Mobile Workers Guide“.

In der Vergangenheit gab es nur zu oft sogenannte „Helikopterforschung“, gerade im Hinblick auf die Kolonialgeschichte. ForscherInnenteams kommen in die Region, machen ihre Studien und lassen sich nie wieder blicken. Daran sind die First Nations natürlich nicht interessiert.

Auch die ursprünglichen Forschungsfragen wurden im kommunikativen Austausch mit der Na-Cho Nyäk Dun First Nation erweitert. Zu dem Forschungsschwerpunkt der mobilen Arbeit in der arktischen Rohstoffindustrie wünschten sich VertreterInnen dieser First Nation eine Bestandsaufnahme ihres kulturellen Erbes in Bezug auf die Bergbauindustrie, die im Yukon Territory eine hundertjährige Tradition aufweist. Das Projekt arbeitet daher eng mit dem Heritage Department der Na-Cho Nyäk Dun First Nation zusammen. „Der Bergbau als Teil der Kolonialgeschichte hat für die First Nations zu rapiden gesellschaftlichen Veränderungen geführt: Umsiedelungen von indigenen Gruppen, Verlust der angestammten Sprache oder Verlust von kulturellen Praktiken und Einbindung in die bis dahin nicht relevante Erwerbsgesellschaft“, so Saxinger. In regelmäßigen Treffen stellten alle Beteiligten sicher, dass das Projekt stets ein gegenseitig nutzbringendes Verhältnis wiederspiegelt.

Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Selbstbestimmtheit und Deutungshoheit der Na-Cho Nyäk Dun First Nation über ihre eigene Geschichte.

Gerade im Hinblick auf die Vergangenheit ist es für das Projekt wichtig, gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln. „Wir haben in mehreren Treffen unser Forschungsvorhaben dem Chief und Council dieser selbst-regierenden First Nation kommuniziert und die Bedürfnisse aller ausverhandelt. Transparenz, respektvolle Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung wurden von allen Beteiligten vorausgesetzt. Wie auch bei uns, kommen in der der Na-Cho Nyäk Dun First Nation die Menschen vor allem beim gemeinsamen Essen zusammen“, erklärt Saxinger. So haben sich die zwei Forscherinnen nicht lange bitten lassen und selbst zu Tisch gebeten. Ein selbstgekochtes Elchgulasch wurde so zu einem Ort der Begegnung.

Die First Nations betrachten ihre Geschichten, die sie mit uns teilen, als ihr geistiges Eigentum, das zum Nutzen der Gemeinschaft an Forschungsteams weitergegeben wird.

Der wechselseitige Forschungscharakter manifestiert sich im LACE-Projekt nicht nur durch die Abstimmung der Ziele und Fragestellungen, auch der Forschungsprozess selbst beinhaltet ein ständiges Abgleichen mit den Communities. „Die regelmäßigen Meetings sind für uns kleine Realitätschecks. Wir bekommen ständig Feedback und justieren unser Forschungsdesign und unsere Interpretationen nach, um dem Forschungsgegenstand so gut wie möglich gerecht zu werden“, erklärt die Expertin.

Um dem Forschungsgegenstand gerecht zu werden, muss ein partizipatorischer Zugang gewählt werden.Beim Elchgulasch-Townhall-Meeting waren zum Beispiel über 50 Leute anwesend, das sind ca. zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung. Das heißt, die Forschung wird durch solche Events breit kommuniziert.

Neben den Meetings, den Broschüren und den zahlreichen Vorträgen entsteht im Rahmen des Projekts außerdem eine Video-Dokumentation, die einerseits über das mobile Arbeiten, andererseits aber auch über die Geschichte des Bergbaus am Beispiel der Na-Cho Nyäk Dun First Nation berichtet. „Da wir nach drei Jahren und langen Feldaufenthalten im Dorf schon sehr bekannt sind, gibt es durchaus großes Interesse an den Ergebnissen“, so Saxinger. „Die Menschen fühlen sich ernstgenommen und das Projekt hinterlässt so hoffentlich einen bleibenden Fußabdruck.“ (il)

 Mining on First Nation Land

Der Film „Mining on First Nation Land - The First Nation of Na-Cho Nyäk Dun in Mayo/Yukon Territory” erzählt Geschichten und Meinungen der First Nation-Gruppe Na-Cho Nyäk Dun in Kanada, in Bezug auf Bergbau auf ihrem traditionellen Territorium.

Sprache: Englisch

 

Hintergrundinformationen

  • Der kanadische Bergbau begann mit dem großen Klondike-Goldrausch am Ende des 19. Jahrhunderts. Kanadas Norden gilt als besonders rohstoffreich.
  • Der Bergbau brachte tiefgreifende Veränderungen mit sich: Umsiedelungen von First Nation-Gruppen, Verlust der angestammten Sprache und kulturellen Praktiken sowie die Einbindung in die bis dahin nicht relevante Erwerbsgesellschaft.
  • Heute ist die Industrie durch die Globalisierung und internationale Konzerne unberechenbar und kurzlebig.
  • Jobs hängen vom Weltmarktpreis der Mineralien ab: ArbeiterInnen unterzeichnen meist nur Kurzzeitverträge.
  • Auch die Minen sind kurzlebiger. Es lohnt sich kaum noch, das Abbaugebiet mit einer dörflichen oder städtischen Infrastruktur zu versehen. Die ArbeiterInnen leben daher in mobilen Camps und werden auf Kosten der Unternehmen mit dem Flugzeug eingeflogen oder mit Bussen hingebracht.
  • Im Camp geben die ArbeiterInnen einen Großteil ihrer Autonomie ab. Die Zimmer sind klein, es gibt keine eigenen Kochmöglichkeiten und Alkohol ist streng verboten.
  • Für viele indigene ArbeiterInnen steht diese Lebensweise im starken Kontrast zur gewohnten Lebensweise. Unter der Prämisse „Living off the land“ legen sie großen Wert auf ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur.
  • Etwa zehn Prozent der ArbeiterInnen in diesem Sektor im Yukon Territory gehören den First Nations an.
  • Immer mehr Frauen arbeiten in der noch immer männlich dominierten Branche. Sie sind z.B. LKW-Fahrerinnen, Schweißerinnen, Büroangestellte, medizinisches oder Servicepersonal.
  • Da oft auf dem selbstverwalteten Land der First Nations abgebaut wird, erhalten die Gemeinden Anteile vom Gewinn („Royalties“) und vereinbaren in „Community Impact/Benefit Agreements“ bestimmte Leistungen. Diese umfassen die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen, Stipendien, Zuschüsse für kulturelle und soziale Initiativen und anderes.

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: LACE – Labour Mobility and Community Participation in the Extractive Industry ‐ Yukon
  • Zeitraum: 2014–2017
  • Beteiligte und PartnerInnen: Gertrude Saxinger, Susanna Gartler - Universität Wien/Austrian Polar Research Institute (APRI) | Joella Hogan, Liz Blair - Na-Cho Nyak Dun First Nation | Chris Southcott - Lakehead University/Thunderbay Ontario | Valoree Walker - Yukon College/YRC
  • Institut: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien | Austrian Polar Research Institute (APRI)
  • Finanzierung: ReSDA – Resources and Sustainable Development in the Arctic – SSHRC Social Sciences and Humanities Research Council of Canada | Department for Economic Development – Yukon Government | Universität Wien
  • Kooperationen: First Nation of Na‐Cho Nyäk Dun | Village of Mayo | Yukon College/YRC | Lakehead University/Thunderbay Ontario

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