Auf grauem Grund liegt ein haufen hölzerner, verdeckter Scrabble Steine. Darüber wurde aus einigen das Wort

Quelle: Flickr, Marco Verch / CC BY 2.0

Zwischen Erwachsenwerden und politischer Partizipation: Wählen mit 16

Überblick

  • 2007 beschloss der österreichische Nationalrat im Zuge einer Wahlrechtsreform, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken.
  • Österreich übernimmt eine Vorreiterrolle: In keinem anderen europäischen Land können junge Menschen bereits ab 16 Jahren bei nationalen Wahlen wählen.
  • In Bezug auf politische Informiertheit und Partizipationswillen lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den 16- bis 17-jährigen und den 18- bis 21-Jährigen WählerInnen – die ErstwählerInnen in den meisten EU-Ländern – feststellen.

Zu unreif, zu unreflektiert: so die gängigen Bedenken, als das Wahlalter in Österreich auf 16 Jahre gesenkt wurde. Was ist dran an den Befürchtungen? Gemeinsam mit Julian Aichholzer, Markus Wagner und Patricia Oberluggauer begleitet Sylvia Kritzinger vom Institut für Staatswissenschaft die Nationalratswahlen seit 2009 mit einer breit angelegten Studie. Zwischenfazit nach zehn Jahren Wahlrechtsreform: Die Jugend kennt die Tugend (doch).

Irland, Großbritannien und Deutschland denken darüber nach, Österreich macht es schon: Wählen ab 16. Gemeinderatswahl, Landtagswahl, Nationalratswahl, BundespräsidentInnenwahl oder Wahlen zum Europäischen Parlament – 2007 beschloss der österreichische Nationalrat, dass junge Erwachsene bereits ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben können.

Welche Bilanz lässt sich rund zehn Jahre nach der Wahlrechtsform ziehen? Diese Frage beschäftigt ein Projektteam der Universität Wien rund um Politikwissenschafterin Sylvia Kritzinger. Mit der breit angelegten „Austrian National Election Study (AUTNES)“ unterziehen die WissenschafterInnen die österreichischen Nationalratswahlen einer sozialwissenschaftlichen Analyse – und werfen dabei auch einen Blick auf das Wahlalter.

Die Aufgabe der empirischen Sozialforschung ist es, eine Faktenlage zu schaffen.

„Vor der Wahlrechtsreform gab es sehr viele Diskussionen, ob minderjährige WählerInnen für den Wahlprozess reif genug wären, ob eine Wahlaltersabsenkung auf 16 Jahre notwendig sei, um die jüngere Bevölkerungsgruppe repräsentieren zu können, oder ob dadurch gar die Wahlbeteiligung gesteigert werden könne. Die Aufgabe der empirischen Sozialforschung ist es, diese Aspekte zu untersuchen und eine Faktenlage zu schaffen“, erläutert Kritzinger.

Gesagt, getan: Seit 2009 begleitet das AUTNES-Team die Nationalratswahlen mit einer umfassenden Analyse. „Im Fokus standen anfangs lediglich die Nationalratswahlen von 2008. Um aber verstehen zu können, wie das Wählen mit 16 Jahren fortwirkt, haben wir den Untersuchungszeitraum erweitert“, erklärt Julian Aichholzer, Universitätsassistent am Institut für Staatswissenschaft und Mitglied von AUTNES. Das ForscherInnenkollektiv arbeitet somit mit Datenmaterial von gleich mehreren Wahlen: 2008, 2013 und mit den Ergebnissen der jüngsten Wahl im Oktober 2017. „Diese Vergleichswerte erlauben es uns, Aussagen darüber zu treffen, ob es sich um einen Einmaleffekt oder aber um langfristige Veränderungen handelt“, ergänzt Kritzinger.

Politische Informiertheit und Partizipationswillen: keine signifikanten Unterschiede zu WählerInnen zwischen 18 und 21 Jahren.

Die ForscherInnen konnten feststellen, dass es in Bezug auf politische Informiertheit und Partizipationswillen keine signifikanten Unterschiede zu den WählerInnen zwischen 18 und 21 Jahren – in den meisten EU-Ländern die ErstwählerInnen – gibt. Dieses Ergebnis überrascht sogar das eine oder andere Mitglied des mehrköpfigen ForscherInnenteams. „Aber spannend wird es, wenn die eigenen Vorahnungen widerlegt werden“, schmunzelt Aichholzer.

Bei der ersten Wahl standen die jungen Erwachsenen stark im Fokus von Medien und PolitikerInnen.

Eine Hand erstreckt sich vom linken oberen Bildrand aus ins Zentrum und wirft ein Kuvert in eine graue Urne.

Quelle: Holger Lang / pixelio.de

Bei der Wahl 2008, also kurz nach Herabsetzung des Wahlalters, war die Wahlbeteiligung der jungen WählerInnen im Vergleich zu den folgenden Wahlen leicht erhöht. „Bei dieser ersten Wahl standen die Jugendlichen natürlich stark im Fokus von Medien und PolitikerInnen, aber auch schulische Maßnahmen wurden gesetzt. Es wurde versucht, vor allem diese Gruppe mit Kampagnen etc. anzusprechen und sie zu motivieren, zur Wahl zu gehen. Die Wahlbeteiligung schwächte sich bei der Wahl 2013 leicht ab“, erklärt Kritzinger.

Auszubildende und junge Frauen: „Hier schlummert ein Potenzial zur Partizipation.“

Aus den Ergebnissen lassen sich auch Unterschiede hinsichtlich Bildungshintergrund und Geschlecht ablesen: Die 16- bis 18-Jährigen, die noch zur Schule gehen, sind politischen Informationen mehr ausgesetzt als Auszubildende, die bereits im Berufsleben stehen. Auch konnte festgestellt werden, dass die Selbstwahrnehmung von minderjährigen Frauen in Bezug auf politisches Wissen, nicht aber das politische Wissen an sich, geringer ist.

„Aus der Literatur wissen wir, dass Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung wichtige Indikatoren dafür sind, ob man zur Wahl geht oder sich politisch engagiert. Unsere klare Empfehlung ist daher, diese beiden Gruppen – Lehrlinge und junge Frauen – besonders anzusprechen. Hier schlummert ein Potenzial zur Partizipation“, so Patricia Oberluggauer.

Die Anonymisierung ist einer der wichtigsten Punkte unserer Zunft.

Im Forschungsprozess hatten die WissenschafterInnen Zugang zu Datenquellen, aus denen sie auf die Wahlbeteiligung in den jeweiligen Altersstufen rückschließen konnten. In einem weiteren Schritt wurden die jungen WählerInnen befragt – von Interesse waren für die ForscherInnen vor allem Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Haushaltsgröße, aber auch politische Einstellungen und Meinungen. „Unsere Daten aus den Befragungen sind absolut anonymisiert. Die Anonymisierung ist einer der wichtigsten Punkte unserer Zunft“, stellt Kritzinger klar.

Mit unserem Projekt wirken wir über den nationalen Rahmen hinaus.

Österreich ist in der Europäischen Union das bislang einzige Land, in dem Wählen auf allen Ebenen ab 16 möglich ist und übernimmt damit im internationalen Vergleich eine Vorreiterrolle. Diskutiert wird die Senkung des Wahlalters aber auch andernorts: „In den USA haben Kommunen mittlerweile vereinzelt ab 16 wählen lassen. Den amerikanischen KollegInnen konnte ich zuvor Empfehlungen aussprechen – unsere Erfahrungen aus AUTNES sind dort direkt in die lokale Gesetzgebung eingeflossen“, berichtet Markus Wagner.

Die Ergebnisse der AUTNES-Studie, die Open Access veröffentlicht und somit allgemein zugänglich sind, wecken internationales Interesse von ForscherkollegInnen, RepräsentantInnen öffentlicher Institutionen, vor allem aber von politischen EntscheidungsträgerInnen. Team-Leiterin Sylvia Kritzinger nennt ein Beispiel aus Deutschland: „Die SPD macht sich für eine Senkung des Wahlalters stark. Die sozialdemokratischen VertreterInnen aus Rheinland-Pfalz sind im Zuge dessen an mich herangetreten und haben um eine Aufbereitung unserer Ergebnisse gebeten. Wir konnten so aus österreichischer Perspektive zur Diskussion beigetragen. Mit unserem Projekt wirken wir über den nationalen Rahmen hinaus.“

Die 16-Jährigen von 2008 werden 2028 spannend sein.

„Momentaufnahmen einfangen“, lautet ein gängiges Vorurteil, mit dem die sozialwissenschaftliche Forschung immer wieder konfrontiert ist. „Das stimmt in unserem Fall, doch wenn wir unsere ,Momentaufnahmen‘ immer wieder durchführen, haben sie ein großes Potenzial“, kontert Kritzinger. „Die 16-Jährigen von 2008 werden 2028 spannend sein. Dann können wir nämlich ablesen, wie sich die frühe politische Einbindung langfristig auswirkt.“ Was die JungwählerInnen von gestern morgen machen und ob sich wählen früh übt – das wird also im Zentrum zukünftiger Untersuchungen stehen. Das ForscherInnenkollektiv von der Fakultät für Sozialwissenschaften hat mit AUTNES bereits den Grundstein gelegt.

Hintergrund

  • AUTNES – Austrian National Election Study befasst sich mit der umfassenden sozialwissenschaftlichen Analyse der österreichischen Nationalratswahlen.
  • Es entsteht eine integrierte Studie, welche die „Nachfrageseite“ (WählerInnen), die „Angebotsseite“ (politische Parteien & KandidatInnen) und die Medienberichterstattung im politischen Wahlkampf berücksichtigt.
  • Im Rahmen von AUTNES werden qualitativ hochwertige Daten für die interessierte Öffentlichkeit und die Wissenschaftsgemeinschaft bereitgestellt.

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: AUTNES – Austrian National Election Study
  • Zeitraum: 2009–2019
  • Beteiligte und PartnerInnen: Wolfgang C. Müller, Sylvia Kritzinger, Julian Aichholzer, Anita Bodlos, Laurenz Ennser-Jedenastik, Johann Gründl , Thomas M. Meyer, Davide Morisi, Carolina Plescia,  Markus Wagner - Institut für Staatswissenschaft, Universität Wien | Hajo Boomgaarden , Sophie Lecheler, Jörg Matthes, Jakob-Moritz Eberl, Hyunjin Song, Petro Tolochko, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Universität Wien
  • Institut: Institut für Staatswissenschaft, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
  • Finanzierung: AUTNES wurde von 2009 bis 2016 vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich (FWF) finanziert. Die AUTNES-Wahlstudie zur Nationalratswahl 2017 wird im Rahmen von ACIER – Austrian Cooperative Infrastructure for Electoral Research durchgeführt und über die Hochschulraumstrukturmittel 2016 des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW) finanziert. ACIER ist eine Forschungskooperation zwischen der Universität Wien, der Universität Salzburg und der Universität Innsbruck und läuft bis 2019.