DemonstrantInnen am Wiener Heldenplatz mit Blick auf Richtung Ring und Krypta

Quelle: Wikimedia/Bwag/CC-BY-SA-4.0

Solidarisch, aber mit wem?

Überblick

  • Die jüngste Wirtschaftskrise hatte einen starken Einfluss auf die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Menschen. Wirkt sich das auf den Umgang der Menschen miteinander und ihre politischen Orientierungen aus?
  • Fragen des sozialen Zusammenhalts und der gegenseitigen Hilfe sind Gegenstand von Aushandlungsprozessen, in denen immer aufs Neue bestimmt werden muss, wo und wie die Grenzen der Solidarität zu ziehen sind.
  • Das am Institut für Soziologie angesiedelte Projekt „SOCRIS“ nimmt Österreich und Ungarn in den Blick: Die politische Entwicklung der Länder ist ähnlich, doch ganz unterschiedlich waren sie von der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 betroffen.

Im Sommer 2015 erlebte Österreich den „Sommer der Zivilcourage“: Kleider und Nahrung wurden kistenweise zu Notunterkünften gebracht, geflüchteten Menschen in den eigenen vier Wänden Obdach gewährt. Nur ein Jahr später wird der Höchststand an rechtsextremen Taten und Vergehen verzeichnet. Wieso reagieren Menschen so unterschiedlich auf gesellschaftliche Herausforderungen? Dieser Frage gehen Carina Altreiter, Saskia Schindler und Jörg Flecker vom Institut für Soziologie in ihrem aktuellen Projekt „SOCRIS“ (Solidarität in Zeiten der Krise) nach.

Zusammengehörigkeit, gegenseitiges Helfen und füreinander Eintreten, kurz: Solidarität. Doch wem wir helfen und für wen wir eintreten, wird unterschiedlich definiert: „Beim Konzept von Solidarität gibt es immer ein Innen und ein Außen, das kann auch – wie von der FPÖ oder der ungarischen Fidesz-Partei – ethnisch-nationalistisch fundiert werden. Im Alltagssprachlichen wird solidarisches Handeln vor allem progressiven Bewegungen zugeschrieben, doch auch rechtspopulistische Gruppierungen schreiben sich solidarisches Handeln auf die Fahne“, erklären Carina Altreiter, Saskia Schindler und Jörg Flecker vom Institut für Soziologie. Die SoziologInnen der Universität Wien untersuchen gemeinsam mit KollegInnen der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), wie die verschiedenen Formen von Solidarität in Zeiten der Krise symbolisch ausverhandelt werden.

Das Team stützt sich auf eine bereits abgeschlossene Forschungsarbeit und stellt damit die Weichen für einen zeitlichen Vergleich: Im Projekt „SIREN“ (Socio-economic change, individual reactions and the appeal of the extreme right), ebenfalls unter der Leitung von Jörg Flecker, wurde zwischen 2001 und 2004 – also noch bevor in Europa die aktuelle Wirtschaftskrise von 2008 eingetreten ist – in acht Ländern untersucht, wie der damals bereits spürbare sozioökonomische Wandel und die Empfänglichkeit für rechtspopulistische Botschaften zusammenhängen.

Was nun anders ist: In „SOCRIS“ fokussieren die ForscherInnen nicht nur auf die steigende Attraktivität des Rechtspopulismus, sondern nehmen auch die inklusiven Orientierungen sowie unterschiedliche Konzepte und Konfigurationen von Solidarität in den Blick: „Menschen reagieren auf Veränderungen unterschiedlich. Ganz deutlich wurde das im Zuge der Fluchtbewegungen: Einige waren ängstlich und abwehrend, andere offen und hilfsbereit.“

Der Krisenkontext stellt sich in Österreich und Ungarn sehr unterschiedlich dar. Es wird auf andere Dinge Bezug genommen.

In „SOCRIS“ ziehen die SoziologInnen zwei Länder für einen räumlichen Vergleich heran: Österreich und Ungarn. „Gemeinsam haben die beiden Länder, dass sie starke rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen und Parteien haben. Ganz unterschiedlich waren sie allerdings von der Wirtschaftskrise betroffen: Österreich hat die Krise – ähnlich wie Deutschland – schnell überwunden, Ungarn hat sich bis heute nicht erholt.“

Doch von welcher Krise ist eigentlich die Rede? Anfangs gingen die SoziologInnen, die stets im regen Kontakt mit ihren ProjektpartnerInnen von der King Sigismund University in Budapest stehen, davon aus, dass die Wirtschaftskrise von 2008 Auswirkungen auf die politischen Orientierungen hatte. Das hat sich nicht unmittelbar bestätigt: Im Laufe der Untersuchung stellten sie fest, dass in Ungarn die Transformationsjahre um 1989 bzw. die Flüchtlingsbewegungen insbesondere um 2015 präsenter waren und in Österreich die Wirtschaftskrise nach dem Empfinden vieler Befragter bereits „lange zurücklag“. Dennoch drückten sich auch hier längerfristige Auswirkungen, wie steigende Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit oder wachsender Leistungsdruck, indirekt in den Orientierungen aus.

Die komplexeren Zusammenhänge leiten wir aus den qualitativen Interviews ab. Hier wird offen gefragt, Erzählungen sind explizit erwünscht.

In einer standardisierten Fragebogenerhebung wurden – mit zeitlichem Abstand zu den Wahlen – 2500 Personen im erwerbsfähigen Alter zu ihrer politischen Orientierung, zu Einstellungen und Lebenssituationen befragt. Zusätzlich führten die WissenschafterInnen 80 qualitative Interviews durch, um komplexe Zusammenhänge zu ermitteln und Themen wie Veränderungen am Arbeitsmarkt, staatliche Unterstützungsleistungen oder Asylpolitik anzusprechen. Durch die Auswahl der InterviewpartnerInnen wird eine Vielfalt an Lebensrealitäten abgebildet, es wurden Personen mit unterschiedlichen Bildungshintergrund, beruflichem Status, Krisenbetroffenheit, Geschlecht, Alter, gesellschaftlichem Engagement und politischer Orientierung befragt.

Die anschließende Interpretation soll Aufschluss über die Zusammenhänge geben: Wie verarbeiten und deuten Menschen ihre Erfahrungen im Beruf und Alltag? Und wie wirkt sich das auf ihren Blick auf die Gesellschaft und auf den sozialen Zusammenhalt aus? Für welche politischen Botschaften sind Menschen in welchen Situationen empfänglich und aus welchen Gründen?

Personen, die sich benachteiligt fühlen, werden empfänglich für populistische Botschaften.

Lange Arbeitszeiten, Stress oder unsichere Arbeitsverhältnisse: Viele der befragten Personen gaben an, dass sie Belastungen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. „Dieses ‚Arbeitsleid‘ wird in der Öffentlichkeit wenig thematisiert und die Betroffenen fühlen sich nicht wahrgenommen. Da fällt es leichter, sich über angeblich vom Staat so gut versorgte ‚Sozialschmarotzer‘ oder geflüchtete Menschen zu empören“, erklärt Saskia Schindler: „Das ist ein typisches Muster: Die eigentlichen Probleme werden verschoben.“

Carina Altreiter, Jörg Flecker und Saskia Schindler

Was da auch mitschwingt: In Österreich sind rechtspopulistische oder xenophobe Haltungen oftmals mit meritokratischem Denken verknüpft, welches individuelle Leistungen und Verantwortung in den Vordergrund stellt. „Das ist nicht untypisch für westliche Wohlfahrtsstaaten“, sagt Carina Altreiter: „Nur diejenigen, die etwas für den Staat leisten, sollen auch etwas bekommen – so die Argumentationslinie.“

Es ist viel komplexer, als oft dargestellt: Der ‚gemischte Salat‘ im Kopf.

Dennoch wurde in der Datenanalyse eine hohe Zustimmung der TeilnehmerInnen zum sozialstaatlichen Absicherungssystem deutlich. Wie passt das zusammen? „Es herrschen zum Teil inkonsistente und inkohärente Vorstellungen von Solidarität. In der Meinungsforschung werden Haltungen oft essentialisiert und als wesenhaft festgeschrieben, doch so klar und eindeutig sind die Einstellungen nicht. Unsere ungarischen KollegInnen sagten, die Leute hätten einen ‚gemischten Salat‘ im Kopf. Das sieht man auch an den Daten: Selbst wenn Menschen rechtspopulistische Parteien gewählt haben, befürworten sie oftmals nicht, was schlussendlich von den Regierungen umgesetzt wird.“

Die ‚GewinnerInnen‘ spielen ebenso mit.

Was in der Clusteranalyse – ein Verfahren, um Ähnlichkeiten von Fällen in den Daten zu entdecken – überraschend war: Die Personen, die ausgrenzende Tendenzen zeigen und die Grundprinzipien des Sozialstaats in Frage stellen, sind oftmals die mit dem höchsten Einkommen. „Rechtspopulismus wurde in vielen Erklärungsmodellen den sogenannten ModernisierungsverliererInnen zugeschrieben. Das können wir widerlegen: Auch bei den AufsteigerInnen oder den Eliten finden sich rechtsextreme Ansichten“, so Projektleiter Jörg Flecker.

Wie sich die politische Situation in Zukunft auf das Projekt auswirken wird, wissen wir nicht.

Was ist richtig, was ist falsch, was darf ich sagen, wann muss ich mit Sanktionen rechnen? Die Erforschung politischer Orientierung stellt die Uni-Wien-SoziologInnen auch vor Hürden: „Die Befragten haben oftmals das Gefühl, sie müssten eine sozial erwünschte Position vertreten.“

Was in Ungarn erschwerend hinzukommt, sind die aktuellen politischen Bedingungen: Viele Menschen wollen nicht über politische Einstellungen sprechen, da sie Angst haben, sich auf irgendeine Art und Weise zu deklarieren. „Ungarn oder Polen scheinen oft in ‚weiter Ferne‘ zu liegen, doch in Westeuropa zeigen sich ähnliche politische Tendenzen“, räumen die WissenschafterInnen ein, die den politischen Rechtsruck in Österreich als höchst besorgniserregend einstufen: „Wie sich die politische Situation in Zukunft auf das Projekt auswirken wird, wissen wir nicht.“

In der Wissenschaft verhandeln, im Feld etwas auslösen.

Was sind die Hintergründe für den steigenden Rechtspopulismus, was macht Menschen empfänglich für xenophobe und autoritäre Botschaften? Und weshalb zeigen sich andere Menschen solidarisch mit anderen? Mit Veranstaltungen – wie etwa durch einen Vortrag in der Reihe „Am Puls“ des FWF oder auf dem Bundeskongress der Alternativen und Grünen GewerkschafterInnen – möchten die ForscherInnen ihre vorläufigen Ergebnisse aus „SOCRIS“ mit der breiten Öffentlichkeit, aber auch explizit mit einem politischen Zirkel teilen. „Manche Zusammenhänge sind komplexer und differenzierter, als sie auf den ersten Blick scheinen mögen. Als SoziologInnen ist es unser Anspruch, Wissen zur Verfügung zu stellen, damit Entscheidungen – auf Wissen fundiert – getroffen werden können und eine Selbstreflexion in der Gesellschaft angeregt wird.“

 Am Puls #55

Im Juni 2017 diskutierte Jörg Flecker im Rahmen der FWF-Veranstaltungsreihe "Am Puls" zum Thema "Populisumus - Die neue politische Macht". Hier finden Sie ein Best-Of der Veranstaltung, außerdem sind Diskussion und Impulsvorträge online abrufbar.

Am Puls #55 Populismus - Die neue politische Macht: Best-Of from Wissenschaftsfonds FWF on Vimeo.

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: „Solidarität in Zeiten der Krise. Sozioökonomischer Wandel und politische Orientierungen in Österreich und Ungarn“ (SOCRIS)
  • Zeitraum: 2016–2019
  • Beteiligte und PartnerInnen: Carina Altreiter, Saskia Schindler und Jörg Flecker; von FORBA: Ulrike Papouschek und Annika Schönauer
  • Institut: Institut für Soziologie
  • Finanzierung: FWF – Der Wissenschaftsfonds
  • Kooperationen: King Sigismund University, Budapest | Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)