Menschen sitzen in einem Raum und zeigen mit beiden Händen auf unterschiedliche Dinge.

Theaterintervention im Bürger*innenforum des ACHTSAMEN 8. © Valerie Pechhacker

Transformatives Theater in Caring Communities

Überblick

  • Im 8. Wiener Gemeindebezirk wirkt der „ACHTSAME 8.“, eine sorgende Gemeinschaft, die Menschen mit verschiedenen Herausforderungen unterstützt, sich aber auch Hürden, wie etwa prekären Finanzierungssituationen stellen muss.  
  • Theaterinterventionen helfen dabei, Handlungsmöglichkeiten auszuloten, Herausforderungen zu reflektieren und Bewusstsein für den Wert der Caring Community, etwa bei politischen Entscheidungsträger*innen, zu schaffen.
  • Dabei wurden drei im ACHTSAMEN 8. durchgeführte Theaterinterventionen von Pflegewissenschafter*innen begleitet, dokumentiert, und deren Auswirkungen auf Teilnehmende evaluiert. 

Im Zuge des Projektes „CareACT“ kooperierten Pflegewissenschafter*innen der Universität Wien mit der Caring Community des ACHTSAMEN 8., dem Verein Sorgenetz, der Theatergruppe InterACT und der Universität Graz. Während InterACT bei Veranstaltungen des ACHTSAMEN 8. Theaterinterventionen durchführte, wurde dies von den Pflegewissenschafterinnen Katharina Heimerl und Lisa Hofer durch teilnehmende Beobachtungen, Reflexionen und Befragungen wissenschaftlich begleitet. 

Der ACHTSAME 8. ist eine Caring Community Initiative des Vereins Sorgenetz bei dem Gert Dressel, der Postdoc Mitarbeiter am Institut für Pflegewissenschaften ist, federführend mitarbeitet. Gemeinsam mit Klaus Wegleitner, Obmann des Vereins Sorgenetz, leitete er das Projekt „CareACT“ in der Caring Community eines ACHTSAMEN 8. In einer Caring Community geht es darum, nachbarschaftliche Sorgestrukturen innerhalb des Quartiers – hier der 8. Bezirk, die Wiener Josefstadt – aufzubauen, Menschen zu unterstützen und am sozialen Leben teilhaben zu lassen, denen dies nicht ohne weiteres möglich ist. Dem Erhalt und Ausbau dieser Caring Community stehen jedoch auch viele Hürden entgegen, wie etwa prekäre Finanzierungssituationen, wenig Bewusstsein für die Tätigkeiten und das Angebot des ACHTSAMEN 8., oder Sicherung von Unterstützung durch ehrenamtliche Arbeit. Die Theatergruppe InterACT führte daher zur Unterstützung des ACHTSAMEN 8. verschiedene Theaterinterventionen in der Caring Community durch, um Herausforderungen zu reflektieren, Handlungsoptionen auszuloten und das Wirken einer Caring Community nachvollziehbar für Entscheidungsträger*innen zu machen.

Theaterinterventionen

Im Zuge unterschiedlicher Veranstaltungen des ACHTSAMEN 8. bot InterACT insgesamt drei verschiedene Theaterinterventionen; ein Playback-Theater, ein partizipatives Theaterlabor und abschließend ein legislatives Theater. „Von Beginn an hatte die Leitung des Projekts CareACT eine Forschungskomponente vorgesehen“, erläutert Dressel. Diese übernahmen Katharina Heimerl und Lisa Hofer vom Institut für Pflegewissenschaft. „Ziel war, dass wir mit unserer Begleitforschung Daten generieren, die sowohl für Theaterinterventionen als auch für Caring Communities relevant sind“, erklärt Katharina Heimerl. Im Sinne des Forschungsansatzes Participatory Health Research, sollte die Forschungskomponente zur Wissensgenerierung, zum individuellen und kollektiven Empowerment und zur weiteren (Selbst-)Entwicklung des ACHTSAMEN 8. beitragen. Auch Aspekte der Evaluation des Prozesses sollten berücksichtigt werden, daher lag ein besonderer Fokus auf der Frage, welche Wirkweisen derartige Interventionen auf eine sorgende Gemeinschaft haben können. „Wir begaben uns mitten ins Getümmel und nahmen als Forscherinnen an den Interventionen teil. Danach führten wir sowohl mündliche als auch schriftliche Befragungen durch“, so die Pflegewissenschafterin. Lisa Hofer fertigte zudem deskriptive Beschreibungen der Interventionen und Reflexionsprotokolle an. „Die Beschreibungen waren wichtig, um festzuhalten, was alles bei diesen Interventionen passiert ist und wie sie abgelaufen sind. Die Reflexionen hingegen halfen mir, auch wieder von der Teilnehmerinnenrolle in die Forscherinnenrolle zu kommen, indem ich festhielt, welche Gefühle im Raum waren, was ich mitnehme, was bei den Teilnehmer*innen da war, was bei mir da war und welche Themen und Fragen offen geblieben sind“, erklärt Lisa Hofer.

Die erste Intervention der Theatergruppe InterACT war das sogenannte Playback-Theater mit dem Thema Sorgegeschichten in der Nachbarschaft. Das fand im Zuge des „Tages der Achtsamkeit“ statt, bei dem verschiedene Events für hochbetagte Menschen, Menschen mit Demenz und jenen mit Mobilitätseinschränkungen in der Wiener Josefstadt veranstaltet wurden. „Hierbei erzählt eine Person aus dem Publikum eine Geschichte, die dann von den Schauspieler*innen in einer Szene dargestellt wird“, erklärt Gert Dressel. Dadurch wird es möglich, unterschiedliche Ebenen des Verstehens anzusprechen, die über das rein verbale hinaus gehen. Die beiden Forscherinnen des Instituts für Pflegewissenschaft nahmen am Playbacktheater beobachtend Teil, machten Feldnotizen und befragten die Teilnehmer*innen nachher sowohl schriftlich als auch mündlich. Sie beteiligten sich auch aktiv an der Intervention: „Ich habe eine Geschichte aus meiner eigenen Nachbarschaft erzählt, bei der ich mit meiner Rolle unzufrieden war, mir aber nicht klar war, warum ich in dieser Situation nicht so agieren konnte, wie ich eigentlich wollte“, erinnert sich Katharina Heimerl. „Die Schauspieler*innen, die diese Szene dann darstellen, haben ein unglaubliches Gespür für die Situationen. In ihrer Szene über meine Erzählung ist dann ein Satz gefallen, durch den es mir wie Schuppen von den Augen fiel, was das Problem in dieser Beziehung war.“ 

Dieses Spiegeln verschiedener Situationen durch die Schauspieler*innen liefert ein unglaubliches Reflexions- und Lösungspotential, das sich die Teilnehmer*innen zunutze machen konnten, wie auch in der Begleitforschung deutlich wurde. „Das macht etwas mit der erzählenden Person, mit dem Publikum und mit den Schauspieler*innen“, so Lisa Hofer. Dabei kam auch Michael Wrentschur von InterACT, dem Leiter der Intervention, eine besondere Rolle zu. „Er trug die Verantwortung für den Prozess und formte ihn maßgeblich mit. Bei jeder Person, die eine Geschichte erzählte, stellte er etwa bestimmte Fragen, um einige Aspekte der Erzählungen klarer hervorzuheben und für die Schauspieler*innen besser darstellbar zu machen“, ergänzt Katharina Heimerl. 

Während das Team und die Bürger*innen der Wiener Josefstadt bei der ersten Theaterintervention mit der Methode vertraut gemacht wurden, kamen bei der zweiten Intervention, dem Theaterlabor, auch die Schwere und die Herausforderungen in der Caring Community zum Vorschein. Dieses fand über zwei Tage hinweg statt und war gezielt an Aktivist*innen aus der Caring Community gerichtet. Hierbei wurden mithilfe szenischer Formate unterschiedliche Rollen, Barrieren und Möglichkeiten der Caring Community reflektiert. „Das bedeutet, dass die verschiedenen Teilnehmer*innen Rollen von anderen Schlüsselakteur*innen innerhalb der Caring Community einnehmen und verschiedene Szenen aufstellen“, meint Dressel.

Dabei geht es stets um einen Perspektivenwechsel, der tieferes Verstehen von Situationen und Netzwerken ermöglicht. Bei sämtlichen Theaterinterventionen sei das Aufwärmen eine sehr wichtige Sache. „Da haben wir zum Teil schon recht ungewöhnliche Übungen gemacht, beispielsweise sollten wir auf eine Art und Weise durch den Raum gehen, wie wir normalerweise nicht gehen würden“, erinnert sich Lisa Hofer, die auch hier als teilnehmende Beobachterin dabei war, Feldnotizen machte und die Teilnehmer*innen in der Pause interviewte. Solche Übungen sind sehr wichtig, um in das körperliche Tun und miteinander in Verbindung zu kommen, sowie Hemmungen abzubauen, um präsenter an den eigentlichen Interventionen teilnehmen zu können. 

Während der Intervention wurden nicht nur unterschiedliche Szenarien, sondern auch Emotionen nachgespielt: „Wir haben versucht darzustellen, was für uns Sorge ausmacht. Dann hat sich die Gruppe gemeinsam im Raum bewegt, und wir konnten merken, wie wir alle als Caring Comunity zusammenwirken“, so Hofer. „Dabei ist Sorgen nicht immer nur etwas Schönes, sondern kann auch sehr herausfordernd und überwältigend sein.“ Diese Theaterintervention erlaubte den engagierten Menschen aus dem ACHTSAMEN 8., sich auch mit den schwierigeren Aspekten von sorgender Tätigkeit auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren und neue Handlungsoptionen zu erproben.  „Mithilfe des Theaterspiels konnte man sich auch die Schwere dieser Themen rund um Sorge durchaus mit einer Leichtigkeit anschauen“, erläutert Hofer. „Das ermöglicht und erleichtert dann auch das Ausloten von Handlungsoptionen, aber ohne, dass diese ernsten Themen per se runtergespielt werden“. In der Begleitforschung wurde deutlich, dass sich das Gefühl von Handlungsmacht bei den Teilnehmenden Menschen verstärkte. „Das ist ungemein wichtig, denn es bringt Menschen aus der Passivität hin zu der Zuversicht, dass sie auch etwas bewegen und zu einer Gemeinschaft beitragen können. Von so einer Einstellung profitiert nicht nur das Individuum, auch hat es das Potential, Gemeinschaften zu verändern und das Leben vieler Menschen durch unterstützende soziale Beziehungen zu bereichern“, ergänzt Heimerl. 

Darüber hinaus erlaubte es die Begleitforschung, immer wieder aus der Distanz auf das Projekt und dessen Interventionen zu schauen. „Wenn man in der Praxis so stark im Tun ist, ist es oft gar nicht so leicht, mal etwas Abstand zu nehmen und weiter gefasst auf die Dinge zu schauen. Auch hierfür leistete die Begleitforschung einen wichtigen Beitrag noch während des Projektes“, so Dressel. Dieser weitergefasste Blick kam auch Michael Wrentschur von InterACT bei der Planung der dritten und größten Intervention, des Legislativen Theaters, zugute: „Die Erhebungen zu den ersten beiden Interventionen gaben uns einen tieferen Einblick, wie welche Theaterübung auf die Teilnehmenden gewirkt hat, aber vor allem auch, welche Themen, Herausforderungen und Anliegen sie bewegen. Das nutzten wir in der Folge bei der Gestaltung und Entwicklung des Legislativen Theaters“, erklärt Wrentschur. Diese Intervention fand im Rahmen der halbjährlichen Bürger*innenforen, die der ACHTSAME 8. veranstaltet, statt. Bei diesem Forum nahmen rund 60 Menschen teil, es wurde sowohl von engagierten Bürger*innen, als auch Bezirksvorsteher Martin Fabisch, einigen weiteren Bezirkspolitiker*innen, und Vertreter*innen verschiedener gesundheitsfördernder Institutionen besucht. „Das Bürger*innenforum stand unter dem Banner ‚Nachhaltigkeit‘, da es um die Frage ging, wie der ACHTSAME 8. weiterfinanziert und in eine strukturelle Sicherheit gebracht werden könnte“, ergänzt Heimerl.

Im Zuge dieses Forums trat die Theatergruppe InterACT sowohl mit Szenen aus einer Caring Community als auch mit Szenen mit Fördergeber*innen auf. „Es war uns wichtig, dass es nicht darum geht, den ACHTSAMEN 8. darzustellen, sondern eher exemplarisch Caring Communities sichtbar zu machen. Bei den Szenen mit Fördergeber*innen lag unser Augenmerk außerdem darauf, dass die Personen, die dargestellt werden, wie etwa der Bezirksvorsteher, sich nicht auf den Schlips getreten fühlen“, so Dressel. Auch hier kam wieder die Sensibilität von den Schauspieler*innen selbst zum Ausdruck, die spürten, wie sie was spielen konnten, um die anwesenden Personen mit- und ernstzunehmen. „Durch dieses Legislative Theater haben die anwesenden Lokalpolitiker*innen verstanden, was es bedeutet, eine Caring Community zu machen, und wie wichtig das für die Menschen vor Ort ist. Es wurde auch Verständnis für die schwierige Finanzierungslage geschaffen, wodurch sich dann die Bezirksvertretung bereiterklärte, den ACHTSAMEN 8. weiter zu finanzieren. Insofern war diese Theaterintervention ein wirklich großer Erfolg, der zum nachhaltigen Fortbestehen dieser Sorgegemeinschaft beiträgt“, so Dressel.

Eine wichtige Erkenntnis der Begleitforschung über diese dritte Theaterintervention war, dass die Teilnehmer*innen mit ungemeiner Handlungsmotivation aus der Veranstaltung gingen. „Sowohl bei den mündlichen als auch den schriftlichen Befragungen im Anschluss an das Bürger*innenforum kam heraus, dass die Menschen hoffnungsvoll sind und mit der Frage rausgehen, was sie selbst zu der Caring Community beitragen können“, erinnert sich Lisa Hofer.  

„Für uns als Verein Sorgenetz war diese Form der transdisziplinären Projekt-Zusammenarbeit mit den Bürger*innen der Josefstadt, mit InterACT und den universitären Kooperationspartner*innen sehr bereichernd. Wir haben CareACT als Experimentierraum erlebt, der durch die kreativen Theaterinterventionsmethoden Menschen mit ihren Lebens- und Sorgeerfahrungen als Mitbürger*innen ins Gespräch miteinander gebracht und ihre aktive Bürger*innenschaft gestärkt hat. Zudem hat die universitäre Partnerschaft Reflexionsräume eröffnet, die Lernerfahrungen über das Projekt hinaus gesichert, gleichzeitig aber auch im konkreten Stärken der Caring Community unterstützt“, erinnert sich Klaus Wegleitner. Insgesamt waren die prominentesten Themen bei den Teilnehmer*innen über alle drei Theaterinterventionen hinweg die Wichtigkeit der Wahrnehmung und Würdigung er- und gelebter Sorgekultur, von Verbundenheit mit den Menschen im Umfeld und Empowerment. „All diese Veranstaltungen haben etwas mit Selbstermächtigung zu tun. Sich ausdrücken und spielen zu können, Gefühle zu deuten und Situationen zu reflektieren hat bei den Teilnehmer*innen starke Gefühle von Ermächtigung ausgelöst, das kam sehr auffällig in unseren Befragungen durch“, so Heimerl. „Es ist sehr schön zu sehen, wie viel diese Theaterinterventionen bei Mitgliedern der Caring Community, aber auch im weiteren Umfeld ausgelöst haben“, meint die Pflegewissenschafterin. Während Mitglieder eine besondere Möglichkeit zur Reflexion und Evaluierung von Handlungsoptionen hatten, konnte auch in der breiteren Gesellschaft veranschaulicht werden, was eine Caring Community ist und was sie in der Gemeinschaft leistet. Denn dadurch, dass Menschen immer älter werden, Familien häufiger weit auseinanderleben und traditionelle Familienbilder und damit verbundene Geschlechterrollen kaum haltbar sind, entstehen große Herausforderungen bei der Sorgearbeit. Caring Communities haben das Potential, diese Lücken zu verkleinern und auch im urbanen Raum enge Gemeinschaften aufblühen zu lassen. Durch die Theaterinterventionen konnte mehr Bewusstsein zum gesellschaftlichen Mehrwert des ACHTSAMEN 8. sowie zur anfänglich schwierigen Finanzierungslage geschaffen werden, was maßgeblich zur Fortfinanzierung des ACHTSAMEN 8. durch den Bezirk beitrug. (ht) 

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: CareACT in Communities. Theaterinterventionen für gerechtigkeitsorientierte und demokratiepolitische Lernprozesse in Caring Communities
  • Laufzeit: 01/2023 – 12/2024
  • Projektteam: Katharina Heimerl, Gert Dressel, Lisa Hofer
  • Beteiligte und Partner*innen: Verein Sorgenetz, SMZ/STZ Jakomini, InterACT, CIRAC (Uni Graz), Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft (Uni Graz)
  • Institut: Institut für Pflegewissenschaft
  • Finanzierung: Ludwig Boltzmann Gesellschaft, Open Innovation in Science Center

 Publikationen

  • Wrentschur, M., Dressel, G., Heimerl, K., Hofer, L., & Wegleitner, K. (2025). CareACT in communities. Theatre interventions for justice-oriented and participatory learning processes in Caring Communities. Educational Action Research, 33(1), 122–142. https://doi.org/10.1080/09650792.2024.2439975