
KI-generiertes Bild – u:ai/ChatGPT
Vorurteile unter wissenschaftlicher Lupe
Überblick
- Grundlagenforschung mit gesellschaftlicher Relevanz: Das Forschungsprojekt PARTISAN analysiert politische Vorurteile, Stereotype und deren Auswirkungen.
- Vielfältige Forschungsmethoden: Mit quantitativen Umfragen, Online-Experimenten und einem Feldexperiment sollen sowohl Muster politischer Vorurteile erkannt als auch deren Auswirkungen auf zwischenmenschliche Konflikte empirisch getestet werden.
- Politik, NGOs und Öffentlichkeit als potenzielle Adressaten: Erkenntnisse können genutzt werden, um Rhetorik bewusster einzusetzen, Konflikte abzubauen und gesellschaftliche Polarisierung zu verringern.
Das ERC-geförderte Projekt PARTISAN untersucht, wie politische Vorurteile und Stereotype Konflikte verstärken - von der Familie bis ins Berufsleben. Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse, die auch für Politiker*innen, NGOs und die politische Öffentlichkeit relevant sind.
Wenn bei der Familienfeier die Nichte, die seit jeher die Grünen wählt, erfährt, dass der Onkel FPÖ Sympathisant ist, verändert sich der Blick auf ihn mit einem Schlag. Ähnlich im Arbeitskontext: Wenn die neue Kollegin beim Mittagessen beiläufig erwähnt, dass sie politisch eher links steht, entsteht automatisch ein Bild von ihr, lange bevor die Kolleg*innen sie wirklich kennen.
Menschen haben bestimmte Assoziationen, Vorurteile und Stereotype über andere, die sie mit deren politischen Einstellungen verbinden. „Wir sind uns noch nicht sicher, ob das ein Problem ist, aber es ist auf jeden Fall ein Phänomen“, sagt Markus Wagner, Professor für Quantitative Parteien- und Wahlforschung am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. Wagner leitet derzeit das durch den European Research Council geförderte Projekt PARTISAN (Partisan Prejudice: Origins, Consequences and Remedies in European Multiparty Democracies). Gemeinsam mit Alexander Dalheimer, Elena Heinz und Isabella Rebasso will der Wissenschafter parteipolitische Vorurteile in einen neuen theoretischen Rahmen setzen und empirische Belege zum Verständnis dieser Vorurteile liefern.
„Stereotype und Vorurteile können dafür sorgen, dass Menschen nicht miteinander reden möchten, sich aus dem Weg gehen und dass es im Berufsleben Vor- oder Nachteile aufgrund von politischen Überzeugungen gibt“, erklärt Wagner. Außerdem könnten politische Konflikte durch Stereotype verstärkt werden, wenn Menschen sich nicht mehr über Inhalte streiten, sondern sich einfach nicht mögen. „Dann werden sachliche Diskussionen zu stark gruppenorientierten Konflikten. Das kann auch für gesellschaftliche Konflikte sorgen oder diese verstärken“, sagt der Wissenschafter. Wagners Forschungsteam möchte herausfinden, wie stark diese stereotypen Vorurteile sind, was sie ausmacht, wann sie auftreten, woher sie kommen, wann sie stärker und wann schwächer werden. Zudem wollen die Expert*innen erforschen, welche Konsequenzen Stereotype und Vorurteile haben.
Während es in Europa erst eine Handvoll Wissenschafter*innen sind, die sich mit der Thematik befassen, gibt es in den USA bereits viel Forschung dazu, da dort die politischen Gräben in den letzten 15 Jahren immer größer wurden. „Man konnte dort sehr stark beobachten, dass Demokraten und Republikaner nicht mehr miteinander können“, sagt Wagner dazu. In den letzten fünf bis sechs Jahren wurde versucht, diese Forschung auch über die USA hinaus anzuwenden. Bislang gibt es jedoch wenig Studien über die gesellschaftlichen Konsequenzen von Vorurteilen und Stereotypen.
Untersuchung in 13 Ländern
Die Forscher*innen arbeiten vorwiegend mit quantitativen Umfragen. Gestartet wurde mit einer großen 13 Länder-Querschnittstudie mit ungefähr 2.000 Befragten pro Land, um die Grundlage zu schaffen und deskriptiv zu ermitteln, was genau die Muster sind. Unter den 13 Ländern sind europäische Länder, aber auch die USA und Kanada, die als Vergleich dienen. Die Teilnehmenden werden von Online-Survey-Firmen rekrutiert und sind anonym. Zusätzlich führen die Wissenschafter*innen Online-Umfrage-Experimente durch, um spezifische Mechanismen und Effekte zu testen.
Ein von Markus Wagner und Alexander Dalheimer verfasster wissenschaftlicher Artikel zur Konzeptualisierung geht der Frage nach, inwiefern Menschen wahrnehmen, dass sie sich von Wähler*innen unterschiedlicher Parteien missverstanden fühlen. „Um unsere Konzeptualisierung besser überprüfen zu können und herauszufinden, in welchen Punkten sich Menschen missverstanden fühlen, haben wir auch ein Experiment mit offenen Fragen durchgeführt“, berichtet Dalheimer. Dieses zeigt, dass viele Befragte tatsächlich denken, dass die andere Seite ihre Werte und Einstellungen einfach nicht versteht. Das hängt nach ersten Ergebnissen damit zusammen, ob Wähler*innen unterschiedlicher Parteien sich gegenseitig nicht mögen und sich aus dem Weg gehen - oder sich gar mit Feindseligkeit begegnen.
Darüber hinaus führen die Wissenschafter*innen ein Online-Umfrage-Experiment durch, mit dem der kausale Zusammenhang getestet werden soll. „Wir möchten Antworten auf die Frage finden, ob diese Wahrnehmung, sich missverstanden zu fühlen, auch tatsächlich zu der Tendenz führt, andere zu meiden und ihnen mit Feindseligkeiten zu begegnen“, sagt Dalheimer. Dabei wird mit Vergleichsgruppen gearbeitet. „Bei einer Gruppe versuchen wir, die Polarisierung zu verringern, bei der anderen nicht. So wollen wir herausfinden, welche Effekte die Verringerung der Polarisierung hat“, erklärt Wagner. Die Herausforderung dabei ist, dass die Eingriffe weder zu offensichtlich noch ethisch problematisch sein dürfen.
Für den Sommer 2026 ist außerdem noch ein Feldexperiment geplant. Damit wird das Labor zu den Menschen gebracht und die Forschenden treten in direkten Kontakt mit den Teilnehmenden. „Das Ziel dieses ‚lab in the field‘ ist es, andere Personen befragen zu können als jene, die sich bei Online-Survey-Firmen anmelden“, erklärt Isabella Rebasso. Außerdem wollen die Forscher*innen den Menschen etwas über den wissenschaftlichen Prozess mitgeben, indem die Teilnehmenden im Anschluss an das Experiment mit den Wissenschafter*innen sprechen können. „Bei Online-Befragungen können wir bei Rückfragen wenig machen. Aber bei so einem Feldexperiment können wir mit den Befragten wirklich etwas besprechen“, betont Rebasso. Geplant ist auch, die Befragten miteinander interagieren zu lassen.
Wir wollen Konflikte nicht vergrößern
Eine Herausforderung ist, dass die Wissenschafter*innen Vorurteile und Polarisierung nicht verstärken wollen. „Natürlich gibt es ethische Bedenken, also dass man negative Auswirkungen auf die Befragten haben kann, gerade weil es ja um gesellschaftlich Konflikte geht“, sagt Wagner. „Wir wollen Konflikte nicht vergrößern.“ Daher muss gut überlegt werden, welche Auswirkungen die Befragungen haben könnten. Die Fragen müssen so entworfen werden, dass solche Gefahren minimiert werden.
Elena Heinz untersucht in ihrem Teilprojekt Bedrohungswahrnehmungen und will herausfinden, inwiefern sich Menschen von Parteien oder von Anhänger*innen verschiedener Parteien bedroht fühlen. Um dabei nicht gleichzeitig die Wahrnehmung von Bedrohungen zu steigern und damit Polarisierung zu erhöhen, arbeitet die Forscherin mit offenen Fragen. Anstatt den Befragten externe Inhalte vorzulegen und die Empfindungen künstlich zu verstärken, werden die Menschen gefragt, inwiefern sie sich bedroht fühlen. Dadurch setzen sich diese Personen selbst damit auseinander und schreiben darüber. So können die Wissenschafter*innen herausfinden, inwiefern die Befragten selbst diese Wahrnehmungen haben und was das für einen Einfluss darauf hat, wie sie Wähler*innen anderer Parteien gegenüberstehen.
Bei Experimenten werden die Teilnehmenden darüber informiert, dass sie zu jeder Zeit ohne Konsequenzen abbrechen können. Zudem gibt es Debriefings. „Am Ende informieren wir ausführlich, welches Ziel wir mit dieser Umfrage oder dem Experiment hatten“, berichtet Heinz. Geplant sind auch Experimente zu Emotionsregulierung mit dem Ziel, den Menschen Tools mitzugeben, die helfen sollen, besser mit polarisierender Rhetorik umzugehen. „Es geht dabei darum, etwa einen Zeitungsartikel, den man sieht und der vielleicht Wut hervorrufen würde, anders zu framen und sich bewusster zu werden, dass diese starke Wut vielleicht nicht immer hilfreich ist“, erklärt Heinz. Generell wird versucht, Positiverlebnisse zu schaffen, also die Polarisierung zu verringern. So werden bei einer Studie, wo es um das Verständnis voneinander geht, den Teilnehmenden am Ende Informationen von dem tatsächlichen Verständnis gezeigt. „Die Menschen finden dann heraus: Ach, die anderen haben doch ein besseres Bild von mir, als ich dachte. Das verringert im Idealfall mein Stereotyp über die anderen“, erklärt Dalheimer.
Die Wissenschafter*innen sind auf die Kooperation der Befragten angewiesen. Bei offenen Fragen braucht es deren Bereitschaft, Texte zu schreiben. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit echten Personen interagieren, die motiviert werden müssen, nachzudenken und gute Antworten zu geben“, betont Wagner. „Das ist aber auch das Spannende an dieser Forschung.“ Eine weitere Herausforderung ist, Experimente zu entwerfen, die wirklich funktionieren. Elena Heinz hat im Rahmen ihres Teilprojekts eine Befragung konzipiert, wo es darum ging, dass die Menschen Gemeinsamkeiten mit Anhänger*innen politisch entfernter Parteien finden. Mehr als die Hälfte konnte sich darauf nicht einlassen. „Nur ein Viertel der Teilnehmenden hat über Gemeinsamkeiten gesprochen. Das war sehr überraschend“, berichtet Heinz. Ansatz dieses Experiments wäre es gewesen, zuerst Gemeinsamkeiten zu betonen und dann herauszufinden, welche Effekte das hat. „Wenn es in einem Experiment gar nicht gelingt, diese Gemeinsamkeiten zu schaffen, sodass Vorteile abgebaut oder positive Einstellungen kreiert werden, dann können wir auch nicht herausfinden, welche Effekte das hat“, ergänzt Wagner.
Müssen alle zueinander finden?
Ab wann ist es ein Problem, dass Menschen Vorurteile und Stereotype über andere Parteiunterstützer*innen haben? Ab wann muss sich eine Gesellschaft Sorgen machen? Das sind die normativen Fragen von PARTISAN. „In vielen Ländern gibt es Parteien, die extrem, zum Teil antidemokratisch sind“, sagt Wagner. „Der Ansatz, der aus den USA kommt – aus der Zeit vor Trump – dass alle zueinander finden und Vorurteile abgebaut werden müssen, der kommt nicht überall in Europa gut an“, erzählt er. Daher muss die Frage geklärt werden, wie wichtig es ist, gegenseitige Vorurteile abzubauen. „Wir wollen einordnen, wann Meinungsunterschiede legitim sind, welche Arten von gesellschaftlichen Konflikten eine Daseinsberechtigung haben und wann das auf übertriebenen Reaktionen und Feindseligkeiten zwischen Gruppen basiert“, erklärt der Wissenschafter.
Wie eingangs erläutert untersuchen die Forscher*innen daher auch, ob die Menschen selbst es als problematisch betrachten, wenn aufgrund von politischen Ansichten oder Parteizugehörigkeit diskriminiert wird. Isabella Rebasso dazu: „Wir haben in allen Ländern herausgefunden, dass die Menschen selbst das gar nicht so schlimm finden und dass sie auch nicht glauben, dass es oft vorkommt.“ Die Konsequenz: Wenn Menschen das selbst gar nicht als Problem wahrnehmen und sie aufgefordert werden, Gemeinsamkeiten zu finden, sehen sie nicht ein, warum sie das tun sollten. „Hier kommen wir wieder zu unserer normativen Frage: Wenn Menschen selbst das nicht so problematisch finden, wie schlimm ist es dann tatsächlich?“ sagt Rebasso. Als ERC-gefördertes Projekt betreibt PARTISAN Grundlagenforschung. „Im Grunde wollen wir zunächst wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage bringen“, sagt Wagner. Primärer Adressat ist damit die Wissenschaft selbst. Gleichzeitig berührt das Projekt eine gesellschaftlich hochrelevante Frage: Wie lassen sich politische Konflikte besser verstehen und langfristig bewältigen? Mittel- und langfristig sind daher auch Politiker*innen mögliche Adressat*innen – insbesondere mit Blick auf die Wirkung politischer Rhetorik. „Die Sprache von Eliten ist in diesem Kontext sehr wichtig. Wenn man bei manchen das Bewusstsein vergrößern kann, dass die Rhetorik nicht ohne Konsequenzen ist, dann wäre das ein Erfolg“, betont Wagner.
Im weiteren Sinne betrifft die Forschung alle Bürger*innen, die politisch sind. Ob und wie die Erkenntnisse praktisch genutzt werden, liegt nicht in den Händen der Forschenden. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wissenschaft hinaus aufgegriffen werden: Dort arbeiten zahlreiche NGOs – teils auch in Europa aktiv – eng mit Wissenschafter*innen zusammen, um gesellschaftliche Polarisierung abzubauen. Auch einzelne Politiker*innen kooperieren mit der Forschung, etwa indem sie gezielt Botschaften senden, die parteiübergreifende Zusammenarbeit betonen. Mit bis zu zehn geplanten Publikationen und begleitender Medienarbeit will das Projekt seine Erkenntnisse zugänglich machen und so die Grundlage dafür schaffen, dass sie von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aufgegriffen werden können. (kh)
Eckdaten zum Projekt
- Titel: Partisan Prejudice: Origins, Consequences and Remedies in European Multiparty Democracies (PARTISAN)
- Laufzeit: 10/2022 – 09/2027
- Projektteam: Markus Wagner, Alexander Dalheimer, Elena Heinz, Isabella Rebasso
- Institut: Institut für Staatswissenschaft
- Finanzierung: European Research Council

