Steg in einem See mit Schilfufern im Hintergrund

Am Schilfgürtel des Neusiedler Sees © Markus Steinacher

Klimawandel lokalisiert: Debatten um den Neusiedler See

Überblick

  • Rund um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Region Neusiedler See gibt es zahlreiche aufgeheizte mediale Debatten, die jedoch mit alltäglichen Erfahrungen der Menschen vor Ort meist wenig zu tun haben. 
  • Soziolog*innen der Universität Wien erheben daher, wie verschiedene Menschen und Organisationen vor Ort die Veränderungen und damit verbundene Herausforderungen wahrnehmen.
  • Damit wird es möglich, eine nuancierte und lokalisierte Debatte, abseits von polarisierender Berichterstattung zu führen.

Die Klimakrise ist in aller Munde. Medial wird jedoch häufig entweder über Klimawandellleugnende berichtet oder Berichterstattung mit Schockfaktor betrieben. Ein Team des Instituts für Soziologie analysierte klimawandelbezogene Berichterstattungen über den Neusiedler See und traf sich mit Menschen und Organisationen vor Ort, um deren Perspektiven auf die klimawandelbedingten Veränderungen der Region Neusiedler See zu erheben.

Im Zuge des Projekts „Klimaalltag in Österreich“ des Instituts für Soziologie wurde die Pilotstudie „Austrocknung des Neusiedler Sees: zwischen Expertise und Alltag“ durchgeführt. „In der Pilotstudie fokussieren wir uns darauf, wie die dort ansässigen Menschen mit klimabedingten Veränderungen des Neusiedler Sees umgehen, diese Veränderungen wahrnehmen und wie sie den Klimawandel bewerten“, erklärt Dagmar Vorlíček, die das Projekt leitete. 

Die Ursprünge des Projekts wurden durch ein Seminar von Studierenden geformt, die auch später daran mitarbeiteten. „Ich leitete einen Kurs, in dem Studierende über zwei Semester hinweg ihr eigenes Projekt entwickeln sollten. Eine Gruppe fokussierte sich auf die Wahrnehmungen des Austrocknens des Neusiedler Sees und konzipierte ein sehr vielversprechendes Forschungsvorhaben, so die Soziologin. „Als das Institut für Soziologie mit dem Institutsprojekt ‚Klimaalltag in Österreich‘ einen neuen Schwerpunkt setzte und im Zuge dessen auf der Suche nach einer Pilotstudie war, schlug ich vor, das Projekt der Studierenden weiter auszubauen. So konnten die Studierenden ihre Forschung, an der sie schon zwei Semester gearbeitet hatten, weiterführen. Wir haben die Pilotstudie gemeinsam geplant und die vorhandene Dokumentenanalyse wurde erweitert und durch Forschungsinterviews ergänzt, die wieder von den Studierenden durchgeführt wurden. Dann haben wir die Daten gemeinsam analysiert und interpretiert, was sehr spannend war: Während ich mich auf das „große Ganze” und die wissenschaftliche Methodik konzentriert habe, kannten die Studierenden alle Details des Falls und hatten viele interessante Beobachtungen aus der Feldforschung.“ 

Debatte um die Auswirkungen des Klimawandels auf den See

Der erste Schritt der Studie war eine Medienanalyse zur Berichterstattung über den Neusiedler See, die noch hauptsächlich von den Studierenden selbst durchgeführt wurde. „Die zunehmende Austrocknung des Neusiedler Sees war in den letzten Jahren stark medialisiert, und das meist mit katastrophalen Bildmontagen und Berichten“, so Vorlíček. Dazu trug auch die Mockumentary „Neusiedl ohne See“ bei, in welcher der See von einem Tag auf den nächsten verschwindet. „Solche alarmierenden Narrative kreieren ein verzerrtes Bild der Lage, das von der lokalen Bevölkerung abgelehnt wird“, erklärt die Soziologin. Die Berichte seien oft verkürzt und Medien berichten meist nur bei extrem niedrigen Wasserständen. „Solche Meldungen schaden dann auch dem Tourismus und somit den Menschen der Region, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten.“ Da das Themenfeld sehr komplex ist, ist es schwierig in kurzen Reportagen substanziell darüber zu berichten. Lokale Expert*innen verweisen auf bis zu hundert Austrocknungs- und Niedrigwasserphasen in der rund 13.000-jährigen Geschichte des Neusiedler Sees. Außerdem zeigen sie auf, wie der Klimawandel auch mit anderen Prozessen und Konflikten in Verbindung steht: „Die Veränderungen am Neusiedler See hängen natürlich mit globalen Klimaveränderungen zusammen, aber auch mit lokalen politischen Entscheidungen. So haben etwa landwirtschaftliche Entscheidungen zur Wasserführung, die vor rund 100 Jahren in der Region getroffen wurden, noch heute starke Auswirkungen auf den See“, erklärt Vorlíček. 

Aufbauend auf der Medienanalyse erhoben die Soziolog*innen die Sichtweisen verschiedener lokaler Akteur*innen zu den klimabedingten Veränderungen des Neusiedler Sees. „Dabei sprachen wir mit Expert*innen, die über ebendiese Veränderungen schreiben und forschen. Wir sprachen auch mit zivilgesellschaftlichen und politischen Akteur*innen, die mehr Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen des Klimawandels auf den See und die Region lenken wollen und schließlich mit lokalen Unternehmer*innen, die etwa in der Tourismusbranche oder im Weinbau tätig sind“, erzählt Dagmar Vorlíček. Mit all diesen Gruppen führte ein Team um Vorlíček – zusammengesetzt aus Studierenden und einigen Kolleg*innen am Institut für Soziologie – Interviews vor Ort, wobei sich die Gespräche auf drei Dimensionen der Narrative fokussierten. „Einerseits interessieren wir uns dafür, wie Menschen sich erklären, was mit dem See passiert, ob er austrocknet, was das Austrocknen verursacht und was verantwortlich dafür ist.“ Als zweiten Aspekt wurde in den Fokus genommen, welche Maßnahmen die lokalen Akteur*innen befürworten und für notwendig halten und welche als sinnlos bewertet werden. In der dritten Dimension wollte das Team um Vorlíček herausfinden, als wie dringlich das Problem um das Austrocknen des Neusiedler Sees wahrgenommen wird und welchen Akteur*innen welche Verantwortung in der Adressierung des Problems zugeschrieben wird. „Wir konnten feststellen, dass die lokale Debatte viel nuancierter ist, als es die Darstellungen in den Medien sind. Die Framings, die wir mithilfe der Medienanalyse erkennen konnten sind entweder sehr alarmierend oder fokussieren sich auf Leugnung des Klimawandels.“ Stimmen aus dem wissenschaftlich-naturschützerischen Bereich sehen die Austrocknung am Neusiedler See hingegen als eine komplexe Gemengelage aus anthropogenen Eingriffen, natürlichen Schwankungen und politischen Versäumnissen in der grenzüberschreitenden Wasser-Koordination. Die befragten Mitglieder der Zivilgesellschaft fühlen sich eng mit dem See verbunden und fordern den Erhalt des Sees ein, wobei es ambivalente Meinungen dazu gibt, ob der See sich selbst regulieren und somit vor dem Austrocknen schützen kann. 

„Zudem forciert die mediale Berichterstattung oftmals ein Ökologie vs. Ökonomie Narrativ“, erklärt Dagmar Vorlíček. Bei diesem Narrativ werden mit Klimawandel zusammenhängende Herausforderungen so dargestellt, als ob entweder die Natur oder die Wirtschaft geschützt werden könne, aber grundsätzlich nicht beides gleichzeitig. „Dem entsprechen die Sichtweisen lokaler Unternehmer*innen nicht. Diese betonten oft, dass die Umwelt geschützt werden müsse, um auch die Wirtschaft zu schützen.“ Der Tourismus in der Region ist etwa vom Fortbestehen der Landschaft und des Ökosystems um den See abhängig und auch für den Weinanbau ist Nachhaltigkeit von Interesse, um sich selbst nicht die Lebensgrundlage zu entziehen. In der zweiten Erhebungsdimension, der als sinnvoll erachteten Maßnahmen, zählt daher etwa nachhaltig gestalteter Tourismus, denn Birdwatching-, Wein- und Kulturtourismus sind am Neusiedler See seit den 1960er Jahren von wirtschaftlicher Bedeutung. Die Vorstellungen der Menschen vor Ort überlappen sich dabei vielfach: „Ideen zum nachhaltigen Tourismus sind ein großes Thema, das sowohl von Unternehmer*innen, Aktivist*innen und Lokalbevölkerung als auch von Expert*innen kommt“, erklärt die Soziologin. Es liegt den Menschen vor Ort am Herzen, das ökologische System des Neusiedler Sees zu schützen. 

Das Team des Instituts für Soziologie arbeitete auch mit dem Verein „Zukunft Region Neusiedler See“ zusammen, welcher sich zum Ziel gemacht hat, durch Expertise und Vernetzung Entscheidungsgrundlagen für eine nachhaltige Entwicklung des Neusiedler Sees bereit zu stellen.  „Die Zusammenarbeit im Rahmen dieses Projekts hat gezeigt, wie wichtig objektive Information über komplexe natürliche Prozesse ist – für die Medienöffentlichkeit wie für die involvierte Bevölkerung“, schildert Alois Lang die Erfahrungen seitens des Vereins. 

Schlussendlich sehen es alle Akteur*innen als wichtig an, Maßnahmen zu setzen, um den See und die damit verbundene Region zu schützen. „Natürlich haben unterschiedliche Akteur*innen hier unterschiedliche Schwerpunkte. Aus wissenschaftlicher Perspektive geht es darum, Informationen und Lösungsstrategien bereitzustellen. Tourismusbetriebe wollen weiterhin in der Region arbeiten, müssen ihr Angebot jedoch umstrukturieren und die Zivilgesellschaft zeigt Engagement etwa in Form von Demonstrationen“, so die Soziologin. Insgesamt sei es wichtig, verschiedene Akteur*innen zu vernetzen und auch über die Landesgrenze hinaus gemeinsam mit Ungarn an Maßnahmen und Strategien zum Schutz der Region zu arbeiten. 

Brücken bauen

Ein Ziel des Forschungsteams ist es, mehr Sichtbarkeit für die lokalen Perspektiven zu generieren und dadurch Brücken zu bauen zwischen der abstrakten, globalen Diskussion zum Klimawandel und den dadurch entstehenden konkreten Herausforderungen, denen sich die Bevölkerung vor Ort in der Region Neusiedler See stellt. „Normalerweise hört man in der öffentlichen Diskussion um den Klimawandel nur von Politiker*innen und Wissenschafter*innen. Wir sehen aber auch die lokale Bevölkerung, die tagtäglich mit regionalen klimawandelbedingten Veränderungen umgeht, als Expert*innen. Deshalb möchten wir dazu beitragen, auch deren Stimmen in der größeren Debatte sichtbarer zu machen“, so Vorlíček. Durch das Nachzeichnen der regionalen Diskussion wurde auch klar, wie viele Überschneidungen es in der Lokalbevölkerung im Hinblick auf das Problem und die Dringlichkeit der Auswirkungen des Klimawandels auf den Neusiedler See gibt. „Auch wenn die Menschen nicht immer das gleiche sagen, konnten wir feststellen, dass Einschätzungen im Grunde oft ähnlich sind. Durch das Aufzeigen der Gemeinsamkeit können wir Polarisierung entgegenwirken und einen Beitrag zur besseren Vernetzung unterschiedlicher lokaler Akteur*innen leisten“, erklärt Dagmar Vorlíček. Zudem würden Menschen in der Region mit besserem Vokabular ausgestattet, um Debatten um klimawandelbedingte Veränderungen zu führen. „Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um die alarmierenden Medienberichte: In Interviews haben einige Leute erzählt, wie negative Schlagzeilen über das angebliche Austrocknen des Sees zu echten wirtschaftlichen Problemen geführt haben, wie zum Beispiel Stornierungen im Tourismus. Mit dem richtigen Vokabular können wir zwischen dramatisierten Medienberichten und tatsächlichen klimabedingten Veränderungen unterscheiden und diese Unterschiede klar kommunizieren.“  Dadurch wird es möglich, Klimawandel und Nachhaltigkeit viel greifbarer und konkreter zu machen. Statt nur eine abstrakte, globale Diskussion zu führen, können regionale Auswirkungen des Klimawandels sichtbar gemacht werden. „Das hilft Menschen vor Ort raus aus einer Passivität hin zu Selbstermächtigung zu kommen. Durch lokalisierte Debatten werden konkrete Punkte geschaffen, an denen angesetzt werden kann“, so die Soziologin. 

Das Projekt zeichnet eine Debatte rund um den Klimawandel und dessen regionale Auswirkungen am Neusiedler See nach und konnte zeigen, dass Narrative des medialen Mainstreams nicht mit den Wahrnehmungen und Meinungen der Menschen vor Ort übereinstimmen. Durch das Aufzeigen von Sorgen, Interessen und Ideen, die es vor Ort gibt, trägt die Studie zu einer lokalen und differenzierten Auseinandersetzung bei und anerkennt die lokale Bevölkerung als Expert*innen für ihre Lebensrealitäten. Das Stärken lokaler Stimmen soll zum Austausch beitragen und Entscheidungsträger*innen dazu anregen, gemeinsam langfristig nachhaltige Lösungen zum Seeschutz, die Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft miteinbeziehen, zu entwickeln. (ht)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: Klimaalltag in Österreich, Pilotstudie Austrocknung des Neusiedler Sees: zwischen Expertise und Alltag
  • Laufzeit: 03/2024 – 08/2025
  • Projektteam: Dagmar Vorlíček, Valeria Bordone, Anna Durnová, Michael Parzer
  • Beteiligte und Partner*innen: Cosima Danzl, Leon Kain, Lennard Schweel, Anna Stöckl, Jan Weber, Anna Raza
  • Institut: Institut für Soziologie
  • Finanzierung: Institut für Soziologie