
Offener Widerstand gegen Pandemiemaßnahmen im öffentlichen Raum. (Foto: Liza Pooor / Unsplash)
Wann wird Zweifel politisch? Autoritätsskepsis als Risiko und Chance der Demokratie
Überblick
- Kritisches Infragestellen stärkt demokratische Gesellschaften, kann aber unter bestimmten Bedingungen in destruktives Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Autoritäten kippen.
- Das REACTOR-Projekt erforscht im internationalen Kontext, wie Menschen Vertrauen in Expertise aufbauen, infrage stellen oder ihr gegenüber Widerstand entwickeln.
- Vertrauen und Skepsis sind keine Gegensätze, sondern kontextabhängig, durch Erfahrungen und Emotionen geprägt und zeigen sich je nach Situation als unterschiedlich ausgeprägte, aber veränderbare Haltungen.
Kritisches Hinterfragen gilt bereits seit Sokrates als Kern vernunftgeleiteten Denkens – und damit als Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Doch in Zeiten von Pandemie, Brexit und politischer Polarisierung scheint die Skepsis selbst in die Krise zu geraten. Wann wird Zweifeln zum Problem? Wo verläuft die Grenze zwischen konstruktivem Hinterfragen von Autorität und einem destruktiven Misstrauen – zwischen Wissenschaftsoffenheit und Wissenschaftsleugnung?
Ein „gesundes Maß an Skepsis“ gilt als Voraussetzung demokratischer Teilhabe. Nicht blindes Vertrauen, sondern kritisches Nachdenken ermöglicht es Bürger*innen, politische Entscheidungen zu hinterfragen und sich informiert an ihnen zu beteiligen. Doch gerade in der Gegenwart gerät diese produktive Skepsis ins Wanken: Zunehmend, so eine verbreitete Diagnose, kippt reflektiertes Zweifeln in destruktives Misstrauen. Wo eine vernunftgeleitete Skepsis in pauschale Wissenschaftsleugnung und postfaktische Erzählungen umschlägt, droht der Verlust einer gemeinsamen Grundlage – jener geteilten Realität, die notwendig ist, um überhaupt miteinander zu sprechen, zu streiten und demokratische Entscheidungen zu treffen.
An diesem Punkt setzt das vom dänischen unabhängigen Wissenschaftsfonds geförderte REACTOR-Projekt an. Es untersucht, wann, warum und wie Bürger*innen Wissensautoritäten und Expert*innen Vertrauen entgegenbringen – und unter welchen Bedingungen sie ihnen gegenüber in Widerstand treten. Das Projekt, das sich über den Zeitraum von Juli 2020 bis Juni 2025 erstreckte, ist eine internationale Kooperation der Universität Wien – seit 2022 beteiligt – mit den Universitäten Aarhus, Amsterdam und Leiden.
Als Gesellschaft erwarten wir von Menschen, Autorität kritisch zu hinterfragen
In unserer gegenwärtigen Gesellschaft haben wir ein politisches wie intellektuelles Klima geschaffen, in dem der Widerspruch zwischen der Erwartung, Autorität kritisch zu hinterfragen, und ihr zugleich zu folgen, oft als etwas Negatives gilt, so Anna Durnová, Projektleiterin von REACTOR an der Universität Wien: „Dabei ist er das Gegenteil: Er ist ein unverzichtbares Werkzeug der Demokratie.“
An dieser Stelle werden bereits die ursprünglichen Überlegungen des Projekts sichtbar. Diese verortet der internationale Projektkoordinator der Aarhus University, Lars Thorup Larsen, in den Jahren 2016 bis 2020: „Wir wollten das Problem verstehen, das in den Jahren des Brexits, der Anti-Impf-Bewegungen und der ersten Wahl der Trump-Administration hochrelevant war.“ Die auf diese Entwicklungen folgenden Debatten über Postfaktizität sowie Wissenschaftsskepsis und -leugnung führten die Forscher*innen zu der zentralen Frage, was hinter diesen Dynamiken steht. Im Kern gehe es darum, so Larsen, „ob Menschen den Erkenntnissen aus Erfahrung und der Autorität von Expert*innen Vertrauen schenken.“
Der Projektantrag wurde 2019 bewilligt, der Forschungsstart fiel damit in eine Phase, in der sich die untersuchten Dynamiken durch die COVID-Pandemie nochmals deutlich verstärkten. Diese unerwartete Entwicklung stellte die Wissenschafter*innen nicht nur vor praktische Herausforderungen der Forschung unter Pandemiebedingungen, sondern machte zugleich die Komplexität des Problems rund um Autoritätsvertrauen deutlicher sichtbar. „COVID erwies sich als eine weitere Ebene, die mit den Entwicklungen rund um den Brexit und dem aufkommenden Populismus eng verschachtelt ist“, so Durnová. „Ausgehend von einem ursprünglich kompakten Problem wurden wir so auf die vielen Ebenen aufmerksam, die sich darin kondensieren.“
2019 hätten unsere Daten noch ganz anders ausgesehen
Gleichzeitig wurde das für viele zunächst schwer greifbare Kernkonzept der Untersuchung, Autoritätsgehorsam, durch die Erfahrungen der COVID-19-Pandemie anschaulicher. „Die Folgen und Debatten der Pandemie haben das Thema für unsere Teilnehmer*innen greifbarer gemacht“, so Patrick Brown, Wissenschaftler und Projektmitarbeiter an der University of Amsterdam. Trotz ihrer gravierenden gesellschaftlichen Folgen erwies sich die Pandemie für das REACTOR-Projekt damit auch als methodisch aufschlussreich.
Den Einstieg in das Projekt bildete eine quantitative Untersuchung in fünf Ländern: Tschechien, den Niederlanden, Dänemark, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Die Teilstudie mit dem Titel „Do Populists Listen to Expertise? A Five-Country Study of Authority, Arguments, and Expert Sources", die im Februar 2026 veröffentlicht wurde, ging vor allem zwei Fragen nach: Inwiefern Personen mit populistischen Einstellungen weniger auf Expertise vertrauen und ob das wahrgenommene Gefahrenpotential gesellschaftlicher Herausforderungen dieses Verhalten beeinflusst.
Die Umfrage zu populistischen Tendenzen zeigte, dass Personen mit entsprechenden Einstellungen zwar tendenziell ein geringeres Vertrauen in Expert*innen aufweisen. Dieses Vertrauensniveau lässt sich jedoch, wie bei den meisten Menschen, durch überzeugende Argumente beeinflussen. Zudem wurde deutlich, dass mit zunehmender Wahrnehmung des Risikopotenzials eines Problems auch das Vertrauen in Expert*innenwissen steigt. Dieser Zusammenhang wird jedoch maßgeblich durch die jeweiligen populistischen Tendenzen der Einzelpersonen beeinflusst.
Menschen haben einfach unterschiedliche Ausgangspunkte ihres Vertrauens
Empirische Klarheit in verbreitete Alltagsannahmen zu bringen, verstehen die Wissenschafter*innen als zentralen gesellschaftlichen Beitrag ihrer quantitativen Forschung. „Die Ergebnisse räumen mit dem Mythos auf, dass Populist*innen komplett resistent gegenüber Argumentationen sind“, interpretiert Larsen die Befunde. Entscheidend ist jedoch ein weiterer Schritt: die Vermittlung dieser Erkenntnisse über gesellschaftlichen Schnittstellen hinweg zur breiten Öffentlichkeit.
Mit einer bewusst offenen Haltung wandten sich die Forscher*innen im Anschluss daran dem nächsten Abschnitt des Projekts zu: insgesamt 150 qualitative Interviews in denselben fünf Ländern. Damit begann auch die Beteiligung der Universität Wien. Bereits zuvor wurde Larsen auf frühere Arbeiten von Durnová aufmerksam, die sich mit Fragen von Wahrheit und Expertise sowie deren Bedeutung im politischen Raum und für demokratische Teilhabe befassen. Auf dieser Basis entwickelte sich eine Zusammenarbeit, in deren Rahmen Durnová gemeinsam mit Vendula Mezeiová die Planung und Durchführung der qualitativen Interviews in Tschechien übernahm. Die Auswertung erfolgte mithilfe der von Durnová entwickelten Methode der interpretativen Emotionsanalyse. Diese Methode zielt darauf ab, aus direkt oder indirekt geäußerten Aussagen der Interviewteilnehmer*innen Rückschlüsse auf zugrunde liegende emotionale Strukturen zu ziehen. In einem weiteren Schritt werden diese Emotionen in gesellschaftliche Kontexte eingebettet – verbunden mit Fragen wie: „Wer darf was fühlen?“ oder „Wie werden bestimmte Emotionen gesellschaftlich konstruiert?“
Die Interviews wurden in der tschechischen Stadt Jihlava durchgeführt. „Für den qualitativen Teil haben wir bewusst einen Ort gewählt, der gut mit ländlichen Regionen vernetzt ist“, erklärt Mezeiová, die die Interviews vor Ort durchführte. „So konnten wir gezielt Menschen außerhalb der besser bezahlten urbanen Zentren erreichen und zugleich unterschiedliche Bildungsbiografien einbeziehen.“ Um ein möglichst breites Spektrum an Teilnehmer*innen zu erreichen, setzten die Forscher*innen auf unterschiedliche Rekrutierungsstrategien. Sie entwickelten mehrere Varianten von Flyern mit jeweils unterschiedlichem Framing: eine wissenschaftsfreundliche, eine neutrale sowie eine bewusst wissenschaftskritische Ansprache. Zusätzlich verbreiteten sie die Aufrufe über verschiedene Social-Media-Kanäle sowie über lokale Netzwerke, etwa über Mediziner*innen aus dem Bereich der Traditionellen Chinesischen Medizin.
Die Forscher*innen konzentrierten sich bei der Auswahl der Social-Media-Kanäle ausschließlich auf Facebook-Gruppen und entschieden bewusst, schwer zugängliche und teils radikalisierte Anti-Science-Foren, etwa aus dem Darknet, auszuschließen. So argumentiert Brown: „Die Untersuchung zielte nicht darauf ab, die radikalsten Formen von Skepsis zu erfassen, also Personen mit einem besonders ausgeprägten ‚Need for Chaos‘, die im Grunde alles brennen sehen wollen.“ Doch selbst innerhalb der Facebook-Gruppen stießen die Forscher*innen auf unerwartete Hürden: Die Personen, die die Flyer verbreiteten, wurden wiederholt von der Plattform gesperrt. „Facebook hielt sie offenbar für Bots oder Akteur*innen, die gezielt Desinformation streuen“, schildert Brown. „Wir haben uns davon aber nicht entmutigen lassen – nach einiger Zeit konnten wir wieder Zugang zu den Gruppen herstellen.“
Von Skeptiker*innen lässt sich einiges lernen
Zentral für das Projekt war es, einen Ansatz zu wählen, der Skepsis und Misstrauen ernst nimmt, erklärt Brown. „Das kann uns helfen, zentrale Institutionen kritisch zu hinterfragen – etwa in Bezug auf ihr Handeln und ihre Kommunikation. Und das ist möglich, ohne die Ansichten der Befragten zwangsläufig zu teilen.“ Das Ziel der Interviews war es, tiefe Einblicke in die Alltagskontexte der Befragten zu erlangen. „Eine Stärke unseres Ansatzes liegt darin, dass wir uns in die alltäglichen Lebenswelten der Menschen begeben – dorthin, wo sie konkret mit Risiko, Unsicherheit und Autoritäten umgehen“, beschreibt Durnová das Vorgehen. „Diese Formen alltäglichen Widerstands sind äußerst aufschlussreich und sind im dominanten Diskurs der politischen Soziologie häufig unterrepräsentiert.“
Die Interviews folgten einem offenen, möglichst hierarchiefreien Ansatz: Die Interviewpartner*innen bestimmten selbst, welche Themen und Perspektiven im Mittelpunkt standen. Gerade dadurch traten immer wieder unerwartete Erkenntnisse zutage. „Im Gespräch zeigte sich häufig, dass sich die meisten Personen nicht klar auf einer Seite, sondern eher irgendwo dazwischen positionierten. Eine klare Trennung war viel seltener als erwartet“, reflektiert Mezeiová.
Bei der Auswertung der tschechischen Interviews wurde deutlich, dass die Befragten über emotionale Ausdrucksformen performativ Widerstand erzeugen. Dabei grenzen sie sowohl ihr eigenes Selbstverständnis als auch eine Gruppe „wissender Personen“ von Institutionen ab, die als wenig vertrauenswürdig und alltagsfern wahrgenommen werden. Zugleich zeigen die Gespräche – wie bereits Mezeiová hervorhebt –, dass sich nur wenige Befragte eindeutig pro oder contra Wissenschaft positionieren. Skepsis in bestimmten Kontexten geht häufig mit Vertrauen in anderen Bereichen einher.
Grundlagenforschung wie das REACTOR-Projekt zielt nicht primär auf direkte Interventionen, entfaltet ihren gesellschaftlichen Impact jedoch indirekt. Indem sie Prozesse sichtbar macht, die angesichts einer vermeintlich fehlenden gemeinsamen Grundlage oft ausgeblendet bleiben, eröffnet sie neue Perspektiven auf das Verhältnis von Autorität, Skepsis und Demokratie. An diese Ansätze können weitere Studien anknüpfen und die komplexe Verschränkung dieser drei Aspekte vertiefend untersuchen und darüber nachdenken, wie man als demokratische Gesellschaft konstruktiv mit dieser Herausforderung umgeht. In diesem Sinne lässt sich das Projekt auch als Form einer demokratischen Selbstreflexion verstehen.
Es kommt auf die Art und Weise an wie wir debattieren
Die Befunde der Studie verweisen darauf, dass Widerstand gegenüber Autoritäten deutlich komplexer ist, als gängige Zuschreibungen nahelegen. Nur selten lassen sich klare Lager für gesellschaftliche Positionen bilden. „Wichtig ist es, nicht von vornherein mit Vorurteilen Menschen gegenüberzutreten, die Skepsis zeigen“, so Larsen. „Eine bestimmte Form der Debatte kann letztlich zur Polarisierung führen, obwohl wir genau das Gegenteil beabsichtigen.“
Kritisches Hinterfragen bleibt ein zentrales Werkzeug demokratischer Gesellschaften. In einer hochkomplexen Welt ist jedoch nicht immer eindeutig, wo es produktiv bleibt und wo es in grundlegendes Misstrauen umschlagen kann. „Das Projekt trägt dazu bei, diesen Widerspruch zu konzeptualisieren und anhand alltäglicher Erfahrungen besser zu verstehen, wie wir uns in dieser Spannung bewegen“, so Durnová.
Autoritätsskepsis zeigt sich damit als vielschichtiges Phänomen, das aus unterschiedlichen Erfahrungen, Emotionen und Vertrauensverhältnissen entsteht. Gerade darin liegt ihr demokratisches Potenzial: Sie eröffnet einen Raum zwischen Vertrauen und Misstrauen, in dem Kritik und Aushandlung möglich bleiben und der Verfestigung von Absolutismen entgegengewirkt werden kann. Entscheidend ist, diese Spannungen reflektiert auszuhalten und produktiv zu bearbeiten, um die fragil gewordene geteilte Realität als Grundlage demokratischer Verständigung nicht weiter erodieren zu lassen. (jm)
Eckdaten zum Projekt
- Titel: Does 'Post-Truth' Spread Resistance to Authority? When and Why Citizens Resist the Authority of Professional Expertise, Politics and Media (REACTOR)
- Laufzeit: 07/2020 – 06/2025
- Projektteam: Anna Durnová, Vendula Mezeiová
- Beteiligte und Partner*innen: Lars Thorup Larsen (internationale Projektkoordination) und Michael Bang Petersen (beide Universität Aarhus), Patrick Brown (Universität Amsterdam), Honorata Mazepus (Universität Leiden);
- Institut: Institut für Soziologie
- Finanzierung: Independent Research Fund Denmark (DFF)
