Field Trip Thailand 2018: Interview Fishermen © KNOTS

Knoten binden, Knoten lösen

Überblick

  • Ein umfangreicher, im Rahmen des Hochschulentwicklungsprojektes KNOTS entstandener Lehrbehelf (teaching manual) bietet multiperspektivische Einsichten in Theorie und Praxis transdisziplinärer Forschung.
  • In Summer Schools und auf Field Trips in Thailand und Vietnam erprobten WissenschafterInnen, DoktorandInnen und 250 Studierende von sieben Universitäten die Anwendung transdisziplinärer Verfahren und Methoden.
  • Dabei zeigten sich vielfältige implizite und informelle Machtstrukturen, die insbesondere von im Nord-Süd-Gefüge lokalisierter transdisziplinärer Forschung stärker reflektiert werden sollten.

Was ist eigentlich Transdisziplinarität, und wie lässt sie sich verwirklichen? Unter der Leitung von Petra Dannecker vom Institut für Internationale Entwicklung  haben WissenschafterInnen und DoktorandInnen in zahlreichen Seminaren und praktischen Übungen mit rund 250 Studierenden aus sieben Universitäten erfahren, welche praktischen, theoretischen und strukturellen Herausforderungen diese ambitionierte Form der Wissensproduktion hervorruft – und wie man diese meistert.

Am Ende stand ein teaching manual. Doch natürlich war es weit mehr als das. In vielerlei Hinsicht hatte das Projekt KNOTS (Knowledge Networks of Transdisciplinary Studies), das das Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien in Kooperation mit Universitäten in Thailand, Vietnam, Deutschland und der Tschechischen Republik durchführte, explorativen Charakter; was geleistet wurde, war tatsächliche Pionierarbeit. „Wir waren kein Forschungsprojekt im klassischen Sinn, sondern es ging um Hochschulentwicklung“, präzisiert Projektleiterin Petra Dannecker. „Und wir waren unter den ersten Projekten, die im Rahmen des Capacity-Building-Programms von Erasmus+ die Möglichkeit erhielten, mit PartnerInnen im ‚Globalen Süden‘ zusammenzuarbeiten.“

Im Fokus standen der Aufbau von neuen Formen der Wissensproduktion und die Suche nach Antworten auf die Fragen, wie Wissen erzeugt werden kann, das stärker als bisher gesellschaftlich relevant ist. Zugleich sollten Maßnahmen entwickelt werden, um diese neuen Erkenntnisse didaktisch umzusetzen.

The world has problems, universities have departments. (Garry Brewer, 1999)

Ein erklärtes Ziel von KNOTS war die Herstellung eines Lehrbehelfs für transdisziplinäre Forschung. Der transdisziplinäre Ansatz überschreitet, wie der Name schon nahelegt, die engen Grenzen traditioneller Forschungsdisziplinen. Er will sich an konkreten Herausforderungen und Problemen orientieren, zu deren Lösung WissenschafterInnen aus diversen Feldern, aber auch nichtwissenschaftliche AkteurInnen zusammenarbeiten und ihr jeweiliges Wissen synergetisch zusammenführen, um so neues Wissen und neue Strategien zu produzieren. Einer der zentralen Unterschiede zu anderen Methodologien besteht darin, dass bereits die Fragestellung partizipativ entwickelt werden soll.

Im Rahmen von KNOTS sammelten WissenschafterInnen, DoktorandInnen und rund 250 Studierende aus Österreich, Deutschland, der Tschechischen Republik, Thailand und Vietnam Erfahrungen im Umgang mit Transdisziplinarität, insbesondere durch Summer Schools und Field Trips in Südostasien, aber auch durch diverse Workshops und Konferenzteilnahmen. „Dabei stand für uns im Vordergrund, Transdisziplinarität für universitäre Lehre zu konzeptualisieren“, erläutert die Projektmitarbeiterin Alexandra Heis. „Es war nicht möglich, wirklich transdisziplinär zu forschen. Zum einen fördert die EU-Kommission nur die Wissenschaftsseite, nicht aber die nichtakademischen AkteurInnen; vor allem aber würde ein tatsächliches transdiziplinäres Projekt viel mehr Vorbereitungszeit benötigen, als während eines ein- bis zweiwöchigen Field Trips möglich ist.“ Bis zu einem gewissen Grad war es also für die Beteiligten Training unter Matchbedingungen, ergänzt Dannecker: „Würden wir uns an ein transdisziplinäres Projekt heranwagen, was würden wir wie tun müssen?“

Dabei ist einer der vorab wichtigsten Schritte, die Knoten im eigenen Kopf zu lösen – sprich, die eigene ForscherInnen-Position zu reflektieren, historisch eingeübte, postkolonialistische Verhaltensmuster abzulegen und flexibel auf unerwartete Situationen zu reagieren, die unweigerlich eintreten, wenn die Forschenden in Kontakt etwa mit DorfbewohnerInnen in Vietnam oder mit migrantischen GewerkschafterInnen in Bangkok traten. „Diese Herausforderungen haben uns ständig begleitet“, erzählt Alexandra Heis. „Letztlich kommt es auf die Mikrorelationen an: Wie verhalte ich mich anderen Menschen gegenüber?“

Natürlich waren wir in einer hierarchischen Position: Wir waren die, die das Geld verschickt haben.

Wo es um Wissen geht, geht es auch um Macht. Das war den Projektbeteiligten selbstverständlich klar; und dennoch kollidierten sie mitunter an unerwarteten Stellen mit formellen und informellen Machtstrukturen. „WissenschafterInnen und Studierende aus Vietnam und aus Westeuropa mehrere Wochen auf engstem Raum: Da entsteht schon einiges an Dynamik“, erzählt Petra Dannecker lächelnd. „Ich erinnere mich an heiße Diskussionen unter den Studierenden über Heiratsmigration oder eine wütende Übersetzerin, die plötzlich lospolterte: ‚Wie könnt ihr, die ihr gerade einmal mit dem Jeep in unser Dorf kommt, es wagen, über unsere Verhältnisse zu urteilen!‘“

Auf der Ebene der Projektleitung kamen unerwartet Gender-Aspekte ins Spiel. „Einigen vietnamesischen Kollegen fiel es sehr schwer, meine Rolle zu akzeptieren“, erinnert sich Petra Dannecker, „weil ich nämlich am Abend nicht mit zum Biertrinken in diese Bar ging, in der die Mädels mit den kurzen Röcken herumliefen.“

Auch auf wissenschaftspolitischer Ebene schufen Machtstrukturen Hindernisse. Denn obwohl die am Projekt beteiligten Universitäten schon seit vielen Jahren die Zusammenarbeit pflegen und Netzwerke gebildet haben, besteht nach wie vor ein Machtgefälle zwischen Nord und Süd. „Auch wenn wir das nicht wollten: Natürlich waren wir in einer hierarchischen Position. Denn wir waren die, die das Geld verschickt haben“, rekapituliert Petra Dannecker. Ganz abgesehen davon steht die Forschung in Vietnam sehr viel stärker als in Thailand unter politischer Kontrolle, was die Handlungsmöglichkeiten für die Jung-ForscherInnen einschränkt. „Und da muss man sich schon fragen: Was heißt das für die Projektkonzeption?“, meint Alexandra Heis.

Und schließlich wirft das transdisziplinäre Hochschulentwicklungsprojekt KNOTS ein ganz grundsätzliches Schlaglicht auf die Wissenschaftspolitik. „Die EU-Kommission versteht ‚Capacity Building‘ ja so, dass wir den Unis im Süden etwas beibringen sollen. Das ist zwar nicht unsere Sichtweise, aber um Förderungen zu erhalten, müssen wir diesen Ansatz einmal zur Kenntnis nehmen“, meint Petra Dannecker. Doch angewandte Transdisziplinarität verschließt sich der Logik der Messbarkeit, auf die die Geldgeber großen Wert legen. „Wir kaufen keine Lamas und wir montieren auch keine Solarzellen auf Hausdächern“, sagt Dannecker, „sondern wir knüpfen Netzwerke und analysieren Beziehungen.“ Dabei spielt Quantifizierbarkeit eine lediglich untergeordnete Rolle; die Ergebnisse sind daher schwer zu messen.

Ein weiterer Punkt, der mitunter für Irritation sorgte: Da bemühen sich die Hochschulen des Südens seit Jahren, am streng hierarchisch organisierten Wissenschaftsmarkt zu reüssieren, indem sie die Rezepte des Nordens nachkochen – „und dann kommen wir von der Transdisziplinarität und stellen all diese Ansätze in Frage“, erzählt Dannecker. Man versucht gewissermaßen, die Knoten in den institutionellen Köpfen zu lösen, die womöglich gerade erst geknüpft wurden, und gleichzeitig stabile Netzwerkverbindungen herzustellen. Der Erkenntnisgewinn ist dennoch nicht von der Hand zu weisen: „Ich denke, dass viele transdisziplinäre Projekte die Binnen-Machtstrukturen, die unter den Beteiligten existieren oder sich im Verlauf des Projektes manifestieren, methodisch unterschätzen“, erläutert Petra Dannecker. „Das ist ein dunkles Loch, über das wir eigentlich wenig wissen, und da hat KNOTS einiges an Grundlagenarbeit geleistet.“

Das teaching manual will Prozesse anregen, wie Forschung auch anders gemacht werden kann.

Wie steht es nun um die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses transdisziplinär konzipierten Hochschulentwicklungsprojektes, da Transdiszplinarität doch den Anspruch hat, relevantes Wissen zu produzieren, das die beteiligten Gruppen in ihren jeweiligen sozialen Aushandlungsprozessen einsetzen können? Diese Frage zu beantworten ist in der Tat schwierig. WissenschafterInnen und Studierende aus unterschiedlichen Regionen haben gelernt, mit welchen methodisch inhärenten Herausforderungen und (macht)strukturellen Problemen sie umgehen lernen müssten, wenn sie transdisziplinäre, partizipative Projekte durchführen würden, hätten sie das Geld und die Zeit dafür.

Doch sie haben auch ein umfangreiches teaching manual erstellt, das als zentrales Resultat des Projektes KNOTS eine optimistische Perspektive zur Verfügung stellt. „In der Tat hat sich das manual bereits während des Corona-bedingten Lockdowns als Online-Lehrmittel bewährt“, erzählt Alexandra Heis. Und wenn irgendwann eine genügend große Anzahl an WissenschafterInnen und Studierenden gelernt haben wird, wie sich transdisziplinäre Ansätze erfolgreich implementieren lassen, dann steht dem Aufblühen einer Methodologie, deren erklärtes Ziel es ist, sich an den tatsächlich vorgefundenen Problemen zu orientieren und gesellschaftliche Relevanz zu entfalten, nichts im Wege.

Aber noch ist es nicht so weit. Der Impact wird wohl erst in der nächsten ForscherInnen-Generation zu verspüren sein. Im Rahmen von KNOTS haben vor allem die Studierenden, wenn man so will, nun einmal auf die harte Tour gelernt, welche gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Möglichkeitsbedingungen transdisziplinäre Forschung überhaupt vorfindet. (tg)

 Impressionen: Summer School Field Trip 2019

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: KNOTS (Knowledge Networks of Transdisciplinary Studies) – Fostering Multi-lateral Knowledge Networks of Transdisciplinary Studies to Tackle Global Challenges
  • Laufzeit: 10/2016 – 10/2019
  • Beteiligte: Petra Dannecker (Projektleitung), Michaela Hochmuth, Richard Bärnthaler, Alexandra Heis, Judith Ehlert, Nora Faltmann, Margarete Grandner, Huong Le, Rainer Einzenberger, Wolfram Schaffar, Christiane Vossemer, Andrea Kremser, Johannes Korak, Carina Maier
  • Institut: Institut für Internationale Entwicklung
  • ProjektpartnerInnen: Universität Bonn, Karlsuniversität Prag, Chulalongkorn University Bangkok, Chiang Mai University, Ho Chi Minh City Open University, Vietnam Academy of Social Sciences
  • Finanzierung: Erasmus+ (Europäische Kommission)