Vier jugendliche sitzen in ihr Smartphone vertieft nebeneinander, über ihnen schweben Logos von Apps und Begriffe aus der Poltiik

Quelle: facepolitics.wordpress.com. Grafik: Lara Hochreiter, Foto: Syda Productions/fotalia.de

Politik im Alltag

Eine Protestaktion auf Facebook „liken“? Ja. Zur Wahl gehen und die eigene Stimme abgeben? Nicht unbedingt. Die Anzahl der Jugendlichen, die zur Wahl gehen, sinkt in Österreich. Gleichzeitig ändert sich ihre Mediennutzung: weg von den „klassischen“ Informationsmedien, hin zu sozialen Medien. Für die KommunikationswissenschafterInnen Jörg Matthes, Desirée Schmuck und Raffael Heiss Grund genug, genauer hinzusehen. In ihrem Projekt YAPES (Young Adults’ Political Experience Sampling) untersuchten sie, welche politischen Themen Jugendliche im Alltag bewegen. Das Besondere dabei: Jugendliche waren in YAPES gleichberechtigte ForschungspartnerInnen.

Überblick

  • Tendenz sinkend: In Österreich – wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern – gehen Jugendliche seltener zur Wahl.
  • Jugendliche beziehen ihre Informationen weniger über „klassische“ Medien, sondern nutzen verstärkt soziale Medien. Die große Hoffnung vieler PolitikerInnen: Durch Facebook und Co. können Jugendliche für politische Themen begeistert werden.
  • YAPES ist ein Citizen Science-Projekt: Jugendliche werden in den Wissenschaftsprozess eingebunden und bringen ihre Perspektive als Forschende ein.

Bildung, Migration oder Wirtschaft. Welche Themen kommunizieren österreichische PolitikerInnen auf welche Art und Weise über Facebook? Dieser Frage widmete sich ein Team vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Wien bereits im Rahmen von Facepolitics – ein Projekt gefördert durch das Sparkling Science-Programm des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Dieses fördert Forschungsprojekte, in welchen WissenschafterInnen Seite an Seite mit Jugendlichen an aktuellen Forschungsfragen arbeiten. Über einen Zeitraum von sechs Monaten analysierten die ForscherInnen die Facebookprofile aller österreichischen Nationalratsmitglieder. Doch damit nicht genug: Im Zusatzprojekt YAPES sahen sie sich in der Folge an, wie diese Sujets mit der politischen Welt von Jugendlichen korrespondieren.

Wir wollten einerseits gemeinsam mit den Jugendlichen Daten generieren, andererseits eine Reflexion anregen: Was hat alles mit Politik zu tun und inwiefern betrifft uns Politik im Alltag?

Ein Bild von einen Käsekornspitz, darunter problematisiert eine Whats-App Nachricht die Verwendung von Platik

Beispiel Schulkantine

Was Jugendliche bewegt, weiß niemand besser, als Jugendliche selbst. Daher wurden Jugendliche in YAPES kurzerhand zu Citizen Scientists, die das Projekt als ForschungspartnerInnen unterstützten. Eine Woche lang beobachteten 254 SchülerInnen zwischen 16 und 20 Jahren aus insgesamt 24 Schulklassen aus ganz Österreich ihre Alltagserfahrungen mit politischen Problemen, für die sie sich eine Lösung durch die Politik wünschen. Ihre Eindrücke schickten sie via E-Mail oder der Mobile-App WhatsApp an Jörg Matthes und sein Team zur Auswertung. „Die Jugendlichen sendeten drei Dinge: ein Foto, das ihre politische Begegnung dokumentiert, eine Erklärung, warum die Begegnung für sie ein politisches Problem darstellt und ein Statement, was sie sich von der Politik diesbezüglich erwarten", erklärt Raffael Heiss, Projektmitarbeiter in YAPES.

Themen, die Jugendlichen in ihrem Alltag begegnen, finden in der Facebook-Kommunikation der PolitikerInnen wenig Platz.

Rund 1.768 Beobachtungen schickten die Jugendlichen ein, darunter Fotos von überfüllten Bussen, derangierten Schulbüchern und Screenshots von politischen Protesten auf Facebook. Jugendliche beschäftigen die lokale Infrastruktur, Schulorganisation oder Bildung. Diese Bereiche kommen jedoch in den Top7-Themen der PolitikerInnen gar nicht vor. In der Facebook-Kommunikation der politischen AkteurInnen stark vertreten sind hingegen die Themen Wahlkampf oder Parteipolitik. „PolitikerInnen holen die Jugendlichen mit Themen nicht dort ab, wo sie es theoretisch tun könnten“, so Jörg Matthes, Leiter des Projekts.

Bild von einem Zeitungsausschnitt über eine Flugshow, darunter problemtisiert eine Whats-App Nachricht die Kosten und plädiert für eine andere Verwendung.

Beispiel Wirtschaft

Aber gerade dort ist die große Hoffnung, dass Jugendliche durch soziale Medien wieder erreicht werden und für den politischen Prozess zurückgewonnen werden können.

Die Bereitschaft unter jungen Menschen, am politischen Geschehen zu partizipieren und RepräsentantInnen zu wählen, ist in den letzten Jahrzehnten laufend gesunken. Doch gerade in Österreich, wo Jugendliche bereits ab 16 Jahren den Gang zur Wahlurne antreten können (zum Beitrag: Zwischen Erwachsenwerden und politischer Partizipation: Wählen mit 16), stellt die junge Generation eine enorm wichtige Zielgruppe der politischen Kommunikation dar. „PolitikerInnen sind gut beraten, Jugendliche direkt zu adressieren. Doch junge Menschen greifen heute weniger auf klassische Informationsmedien wie Zeitungen zurück, sondern bewegen sich in einem durch soziale Meiden geprägten Raum“, so Matthes, Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: „Soziale Netzwerke wie Facebook haben daher das Potenzial, Jugendliche schon früh in die Politik zu involvieren.“

Der Impact lag darin, dass die Citizen Scientists selbst etwas mitgenommen haben.

Erhoben wurden in YAPES aber nicht nur die politischen Probleme der Jugendlichen. Matthes und sein Team fragten vor und nach der Erhebungsphase auch das wissenschaftliche und politische Interesse der SchülerInnen ab. „Wenn wir die Wissenschaft für junge Menschen öffnen, können wir tatsächlich etwas verändern. Das Interesse an Politik und wissenschaftlichen Themen, das politische Kompetenzgefühl und das Empfinden, etwas in der Gesellschaft ausrichten zu können, haben durch YAPES zugenommen. Das sehen wir ganz deutlich im Vorher-Nachher-Vergleich“, so Heiss.

Es ist etwas Anderes, über Jugendliche zu forschen, als mit ihnen zu forschen. Sie zu begeistern und in die Forschung einzubinden, ist eine Herausforderung.

Wie erreichen wir die Jugendlichen? Wie kommunizieren wir unser Forschungsthema verständlich? Um auf eventuelle Schwierigkeiten im Gemeinschaftsprojekt mit den SchülerInnen vorbereitet zu sein, holte das Team Sapere Aude ins Boot, ein Verein zur Förderung der Politischen Bildung, deren MitarbeiterInnen langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen haben. Die Vorbereitung hat sich gelohnt. „Die Jugendlichen haben verstanden, worum es uns geht und haben sich kompetent und kreativ in den Forschungsprozess eingebracht. Ihre Beiträge waren – bis auf wenige Ausreißer – sehr professionell“, so das Fazit der WissenschafterInnen.

YAPES war für Matthes und sein Team vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft auch ein Prototyp für Citizen Science in den Sozialwissenschaften: „Wir arbeiten oftmals mit abstrakten Theorien. Da ist die Beteiligung von BürgerInnen weniger naheliegend, als in anderen Projekten, in denen Citizen Scientists zum Beispiel ihre Zeit leihen, um heimische Vögel zu zählen oder Sterne zu beobachten“, so Matthes. Das Erfolgsprojekt YAPES hat sie auf den Geschmack gebracht: In ihrem aktuellen Vorhaben — einem „PolitikRadar“ — sind sie auf der Suche nach politischen Partizipationsmöglichkeiten, denen BürgerInnen in ihrem Alltag begegnen. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein. (hm)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: YAPES – Young Adults’ Political Experience Sampling
  • Zeitraum: 01.12.2014 –30.09.2017
  • Beteiligte und PartnerInnen: Jörg Matthes, Desirée Schmuck, Raffael Heiss
  • Institut: Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
  • Finanzierung: Sparkling Science, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung
  • Kooperationen: Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern, Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Verein zur Förderung der politischen Bildung, Sapere Aude, BORG Deutschlandsberg und BORG Perg.