Quelle: pixelio.de/W.R. Wagner

Wie sprechen wir, wenn wir über Krisen sprechen?

Überblick

  • Krisen und kein Ende: Perpetuieren wir die Krise, indem wir unablässig über sie sprechen? Und kann es gute Gründe geben, das zu tun?
  • Welche Muster ergeben sich in der längeren Betrachtung von Krisenkommunikation?
  • Mit Instrumenten der Big Data Analysis geht das Projekt “Tango on a Tightrope – Drahtseilakt EU-Krisenmanagement” diesen Fragen auf den Grund

Finanzkrise, Migrationskrise, Klimakrise, Brexit-Krise, Pandemiekrise: Die EU befindet sich seit 14 Jahren im permanenten Krisenmodus. Doch wie kommunizieren EU-Kommission und nationale Regierungen über die Krise? Und welche Dynamiken ergeben sich in der Interaktion mit den Medien?

Krisenmanagement. Ein heikler Job, nicht zuletzt weil Krisenmanager*innen an ihrer eigenen Abschaffung arbeiten, wenn sie Krisen erfolgreich managen. Zugleich wollen Krisenmanager*innen – im konkreten Fall Politiker*innen auf europäischer und nationaler Ebene – als durchsetzungsstark gelten, weil der Nimbus des erfolgreichen Agierens in Ausnahmesituationen Beliebtheitswerte erhöhen kann, die im Zweifel die Wiederwahl sichern können. „Es gibt Krisenmanager, die versuchen, die Krise am Leben zu erhalten“, sagt Olga Eisele vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. „Der ungarische Premier Viktor Orbán etwa konstruiert ständig Krisen herbei, ausgelöst durch vermeintlich große Gefahren aus dem In- und Ausland, die er dann zu bekämpfen vorgibt. Und wie man sieht, funktioniert das politisch ganz gut.“

In ihrem Hertha-Firnberg-Projekt „Tango on a Tightrope – Drahtseilakt EU-Krisenmanagement“ widmet sich Eisele unter anderem den Fragen, wie nationale Exekutiven und die EU über Krisen kommunizieren, wie diese Kommunikation in ausgewählten Medien reflektiert wird – kurz, wie Krisennarrative konstruiert werden und welche Dynamiken in der Interaktion zwischen Politiker*innen und Medien entstehen. Doch wer nun hermeneutische oder diskursanalytische Verfahren zur Bearbeitung dieser Forschungsfragen erwartete, würde enttäuscht. „Ich arbeite mit Big Data Analysis“, erklärt Eisele. „Ich führe automatische Textanalysen basierend auf Textdaten von zehn Jahren durch, um zu erkennen, welche rhetorischen und semantischen Muster Anwendung finden, wenn über Krisen gesprochen wird.“

Ich will das Wissen über Krisenkommunikation auf ein abstrakteres Level heben

In ihrem Projekt hat Eisele ein Framework entwickelt, „das über den Einzelkrisen steht, mit denen die EU in den letzten zehn Jahren konfrontiert war, und das man zu jedem Zeitpunkt in jeder Krise anwenden kann“. Big Data ist im Übrigen durchaus wörtlich zu verstehen. Eiseles Material sind die Pressemitteilungen der Europäischen Kommission sowie der Regierungen von Österreich, Deutschland, Irland und dem Vereinigten Königreich der letzten zehn Jahre. Und zwar alle. Wir sprechen also von über 100.000 Dokumenten. Der Vorteil dabei: die Quellen sind verhältnismäßig leicht zugänglich. „In Österreich gibt es den Originaltext-Service ots.at der APA, in Irland und Großbritannien existieren ähnliche Portale, nur in Deutschland war es schwierig. Da musste ich bei jedem Ministerium einzeln die jeweilige Pressemitteilung aufrufen, um zur vollen Textversion zu gelangen. Zum Teil musste ich die Ministerien kontaktieren, weil ältere Pressetexte nicht mehr online verfügbar waren, und da waren die unterschiedlichen Stellen halt unterschiedlich kooperativ“, erinnert sich Eisele. Letztlich musste die Kommunikationswissenschafterin für jedes deutsche Ministerium eigene Codes in der Programmiersprache R schreiben, um die Texte mittels Web Scraping – dem automatisierten Auslesen von Inhalten einer Website – downzuloaden.

Nach einem zeitraubenden, kleinteiligen, notwendigerweise pedantischen Säuberungsprozess, in dem unter anderem alle nicht bedeutungstragenden Wörter – Artikel, Konjunktionen, Präpositionen, Pronomen etc. – eliminiert werden, weil sie für den dann folgenden Analyse-Prozess keine Rolle spielen, bleibt ein “bag of words”, ein riesengroßer Sack von Wörtern übrig, der nun mit unterschiedlichsten Verfahren analysiert werden kann.

Wir sehen, dass Krisenkommunikation sehr viel Angst beinhaltet

Um diesen großen Sack von Wörtern methodisch zu bearbeiten, braucht es neben spezifischen Analysetools stringente theoretische Vorannahmen. „Wenn wir also etwas über den Zusammenhang zwischen Krise und Angst herausfinden wollen, müssen wir zum Beispiel vorab normativ festlegen, dass die Krisenmanager*innen, also die verantwortlichen Politiker*innen, nicht Angst vermitteln, sondern einen ruhigen, kontrollierten Eindruck machen sollen, der bedeutet: Wir haben alles im Griff.“ Eine Methode, die im Projekt angewandt wird, ist die des Word Embeddings, also der Worteinbettung. Hier werden alle Wörter in einem mehrdimensionalen Raum vom Computer semantisch geordnet: „Der Computer ‚lernt‘ auf Basis von sehr vielen Dokumenten, welche Wörter in denselben Bedeutungsraum gehören, weil sie zusammen vorkommen oder synonym benutzt werden. Wenn ich nun für meine Zwecke, zum Beispiel ‚Angst‘ und ‚Gelassenheit‘, in diesem Raum als zwei Pole oder Endpunkte einer Skala definiere, dann kann ich meine Texte in diesem Raum zwischen diesen definierten Endpunkten verorten und schauen, an welchem Pol sie näher dran sind. Ich kann also sagen, ob die Worte in meinem Text im Durchschnitt eher näher bei ‚Angst‘ oder ‚Gelassenheit‘ liegen“, erläutert Eisele. „Das Ergebnis dieser Analyse ist dann die Einordnung des Textes als eher ängstlich oder eher gelassen“.

Diese Analyse ergab unter anderem, dass die Kommunikation über Krisen eher von einem ängstlicheren Duktus getragen ist als die Kommunikation über Nicht-Krisenthemen. Es tauchen also häufiger Wörter wie „Gefahr“, „dramatisch“, „Bedrohung“ oder „furchtbar“ auf.  „Das bedeutet aber eben auch, dass die Krisenmanager*innen selbst viel dazu beitragen, dass die Krise verlängert wird“, meint Eisele. „Und nun können wir uns fragen: Warum machen die das? Liegen da irgendwelche strategischen Überlegungen dahinter – Stichwort: politics of fear –, sind die Politiker*innen einfach selbst überfordert oder ist das einfach Unachtsamkeit und der Rückgriff auf Termini, die man halt schon kennt und tausendmal verwendet hat?“ Auffallend war außerdem, dass es bei der EU keinen Unterschied zwischen Krisen und Nicht-Krisenthemen gab. „Die EU, würde ich sagen, positionierte sich bei manchen Themen gar nicht so sehr als Krisenmanagerin, weil ihr dafür gar keine Kompetenzen übertragen wurden– sie kann schließlich nur in explizit definierten Bereichen direkt in die Mitgliedstaaten hineinregieren“, analysiert Eisele. „Die EU war aber anscheinend viel stärker damit beschäftigt, Abläufe zu koordinieren als die eigene Politik öffentlich zu legitimieren.“

Noch ein Beispiel. Es wäre, verdeutlicht Eisele, normativ wünschenswert, dass in Krisenzeiten die Regierung klar und mit einer Stimme spricht und nicht jedes Ministerium agiert und kommuniziert, wie es will. „Auch diese Frage können wir operationalisieren, und zwar, indem wir Texte auf ihre ideologischen Grundtöne hin überprüfen und außerdem, messen, wir klar kommuniziert wird: Also ob, zum Beispiel, lange Schachtelsätze den Text beherrschen, die das Lesen erschweren, oder ob Fachtermini gebraucht werden, die in der Alltagssprache eher nicht benutzt werden“, erklärt Eisele. „Um die breite Wirksamkeit von Krisenkommunikation zu gewährleisten, darf sie nicht zu komplex sein; alle müssen das verstehen können, damit jeder weiß, wie er sich selbst und andere schützen kann.“

Die DSGVO hat unser Leben nicht unbedingt einfacher gemacht

Ein weiteres Kapitel des Forschungsprojektes beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen politischer Kommunikation und medialer Berichterstattung. Auch in Sachen Medienanalyse liegen die größten Hürden in Deutschland, weil – im Gegensatz zu Österreich – Fernsehsendungen nicht transkribiert und in Datenbanken erfasst werden. „Das ist dann halt frustrierend, weil offenbar kein Bewusstsein dafür existiert, dass die Forschung, die wir betreiben, wichtig ist, und was wir dafür brauchen“, bedauert Eisele. Mit der Veröffentlichung des entsprechenden Artikels ist aber erst 2022/23 zu rechnen. Ganz allgemein erwiesen sich Datenschutz- und Lizenzierungsfragen als komplizierter als angenommen. „Ich darf zum Beispiel Tweets, die ohnehin schon öffentlich sind, nur mit Einschränkungen weiterverwenden“, erklärt Eisele. „Natürlich hat das gute Gründe, denn Datenschutz ist ein hohes Gut, das der Regelung auch wirklich bedurfte. Trotzdem glaube ich, dass die Datenschutz-Grundverordnung der EU unser Leben als Wissenschafter*innen nicht unbedingt einfacher gemacht hat.“

Olga Eisele betont zum Abschluss den emanzipatorischen Effekt ihrer Forschung. „Ich will dazu beitragen, kritisches Bewusstsein zu schärfen, damit wir mehr reflektieren, was wir da jeweils vorgesetzt bekommen. Wir sollten alle besser verstehen, wie Politiker*innen und Medien funktionieren und was ihre Beweggründe sein können. Das ist gerade in Zeiten von Fake News extrem wichtig“. Letztlich geht es darum, so etwas wie bürgerliche Resilienz gegen Konstruktionen medialer Realitäten zu fördern – „damit wir dem, was in der Zeitung steht, nicht einfach blöd ausgeliefert sind“.

Eckdaten zum Projekt

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