Kartenbasierte Diskussionsmethode zur Reflexion von Verantwortung in der Wissenschaft: "IMAGINE RRI".

Einen Raum zum Nachdenken schaffen

Überblick

  • In den letzten Jahrzehnten hat sich das Leben in der Wissenschaft für Forschende nachhaltig verändert, was auch Auswirkungen auf die Forschung selbst hat.
  • Der Ruf nach einer aktiveren Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung durch die Wissenschaft trifft dabei auf fest etablierte wissenschaftliche Qualitätsvorstellungen, die sich vor allem an innerwissenschaftlichen Exzellenzkriterien orientieren.
  • Um sich mit diesen entstehenden Spannungsfeldern im universitären Umfeld auseinandersetzen zu können, schafft das Team des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung und insbesondere auch die interdisziplinäre Forschungsplattform Responsible Research and Innovation in Academic Practice Reflexionsräume, die die in der Wissenschaft tätigen Menschen in den Vordergrund stellen.

Gesellschaft und Politik greifen immer mehr auf Wissenschaft und Technik zurück, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Während der Druck auf Forschende wächst, die Arbeit nach gesellschaftlich relevanten Themen auszurichten, verändern sich gleichzeitig die Rahmenbedingungen, unter denen geforscht wird: Fordernde Zeitpläne, unsichere Arbeitsverhältnisse und eng formulierte Evaluierungskriterien lassen wenig Raum für Reflexion und zwingen viele WissenschafterInnen zu einem Spagat zwischen verschiedenen Anforderungen. In einer Reihe von Forschungsprojekten und im Rahmen einer Forschungsplattform ergründen Ulrike Felt, Maximilian Fochler und Lisa Sigl seit mehr als zehn Jahren gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern, was diese neuen Bedingungen konkret für das Leben in der Wissenschaft und die Wissensproduktion bedeuten. Das Team schafft so neue Reflexionsräume und erforscht, inwiefern die neuen Anforderungen verantwortliches Handeln in der Wissenschaft ermöglichen.

Menschen, die sich für ein Leben in der Wissenschaft entschieden haben, haben sich – bewusst oder unbewusst – für ein sehr forderndes und oft lange sehr unsicheres Arbeitsumfeld entschieden. Nicht nur unsere Gesellschaft durchlebt ständige Veränderungsprozesse, auch Universitäten und die Forschung tun dies, in einer Weise die mit der gesellschaftlichen Veränderung verknüpft ist. Seit über zehn Jahren erforscht ein Team um Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt in einer Reihe von Projekten, wie sich diese Veränderungen auf Wissenschaftskulturen auswirken. In biographischen Interviews, Gruppendiskussionen und Besuchen in Labors fragt das Team konkret, wie ForscherInnen ihr Leben in der Wissenschaft wahrnehmen und wie sich das auf die Forschung selbst auswirkt. „Die Wissenschaft ist immer mehr von Wettbewerb, Evaluationsmechanismen und Unsicherheiten geprägt“, erklärt Lisa Sigl. „Wir reflektieren gemeinsam mit den Forschenden, wie das potenziell ihre Forschungsentscheidungen verändert, welche Lebensentwürfe unter diesen Voraussetzungen in der Wissenschaft möglich sind und inwieweit die vielfach geforderte gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft unterstützt wird.“

Auf die Frage, inwieweit herrschende Zeit- und Unsicherheitsstrukturen konkret auf die Wissensproduktion Einfluss nehmen, nennt Max Fochler etwa folgendes Beispiel: „Wenn eine forschende Person weiß, dass ihr Vertrag nur noch 1,5 Jahre läuft, wird sie eine Fragestellung wählen, die in diesem Zeitraum zu einer Publikation führt – alles andere wäre für sie von Nachteil. Das bedeutet, die Person wird – angetrieben von Evaluationsmechanismen und Wettbewerbsdruck – wahrscheinlich kein Risiko eingehen und eine etablierte Fragestellung im Mainstream wählen, die es schneller durch den Review-Prozess schafft.“

Ohne Risiko kein Neuland

Gleichzeitig gilt: Um wirklich bahnbrechende Forschung zu machen, müssen WissenschafterInnen Risiken eingehen können. Die herrschenden Rahmenbedingungen sorgen jedoch wie im genannten Beispiel oft dafür, dass das schwer möglich ist. „Selbst bei den sogenannten Exzellenzprogrammen, die dezidiert risikoreiche, neue Forschung fördern, sind dann merkwürdigerweise alle Projekte erfolgreich – das ist doch statistisch unmöglich“, so Felt. „Da muss man sich schon fragen: Unterstützt das wissenschaftliche System WissenschafterInnen wirklich darin, radikales Neuland zu betreten? Oder bleiben wir doch eher im Mainstream hängen? Neuland zu betreten, ist insbesondere auch für gesellschaftlich relevante Innovationen von großer Bedeutung.“

Im Kollektiv zu mehr Verantwortung

Was soziale Verantwortung in der Forschung überhaupt bedeuten und wie sie konkret gelebt werden kann, reflektiert das Forschungsteam gemeinsam mit Forschenden aus den Lebenswissenschaften, insbesondere im Rahmen der Forschungsplattform Responsible Research and Innovation in Academic Practice. Hier wird entlang unterschiedlicher Themen und in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit diskutiert, welche Bedingungen es ForscherInnen ermöglichen oder erschweren, soziale Verantwortung auch in die Praxis umzusetzen. Gruppendiskussionen in verschiedenen Zusammensetzungen, aber auch Interviews sollen dabei helfen, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die Plattform hat aber auch zum Ziel, die Forschenden stärker mit Wertvorstellungen und Anliegen gesellschaftlicher AkteurInnen in Interaktion zu bringen, wie dies etwa im Rahmen einer Veranstaltung zu den ethischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Editierens des Genoms geschehen ist. Dazu werden Workshops, Events und Talks organisiert sowie geeignete Methoden und Analyseperspektiven entwickelt.

Kick-Off Event: Making Space and Taking Time for Responsible Research and Innovation in Academic Practice, Oktober 2016

Reflexionsräume sind Mangelware

„Unsere Forschung ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Forschungsprozess selbst einen Impact haben kann“, erklärt Felt. Im Rahmen von kartenbasierten Diskussionen, einer eigens entwickelten Methode des Teams, werden Reflexionsräume geschaffen, in denen Forschende diskutieren und interagieren können. Gemeinsam wird ausgelotet, was Verantwortung in der eigenen Wissenschaftspraxis auf der Alltagsebene konkret bedeuten kann. Das ist ein wesentlicher Schritt. Denn laut Felt wissen die Forschenden oft nicht so recht, wie sie mit dieser großen gesellschaftlichen Erwartungshaltung, die politisch in den Raum gestellt wird, praktisch umgehen sollen. Trotz ihres großen Potenzials, Forschende bei der Umsetzung von Responsible Research zu unterstützen, haben Räume für kollektive Reflexionsprozesse im Wissenschaftsbetrieb bisher wenig Stellenwert erlangt. Dies zu ändern, ist für Felt und ihr Team ein großes mittelfristiges Anliegen.

Mit neuen Methoden zum besseren Diskurs

Die Reflexion wird vor allem durch die kartenbasierte Gruppendiskussion unterstützt: Auf kleinen Karten stellt das Team den TeilnehmerInnen die Breite unterschiedlicher Standpunkte und Problemzonen im Bereich von gesellschaftlich verantwortungsvoller Forschung zur Verfügung. Diese dienen als Ausgangsmaterial für die Diskussion und sollen dabei unterstützen, dieses eher unzugängliche, komplexe Themenfeld über konkrete Beispiele zugänglich zu machen. „Diese Karten basieren auf unseren früheren Forschungsergebnissen zu dem Thema und auf internationalen Diskussionen – somit spielen wir unsere Ergebnisse gleich wieder ins Feld“, so Sigl. „Gleichzeitig erlauben die Karten durch konkrete Beispielnennung einen einfacheren Transfer auf den eigenen Alltag, sodass es leichter fällt, eine eigene Position zu entwickeln und sich darüber auszutauschen.“

Universität muss Verantwortung wahrnehmen

Ausgehend von den Erfahrungen und den Erzählungen der ForscherInnen wird an der Forschungsplattform auch über die Verantwortung von Universitäten nachgedacht, angemessene Bedingungen für verantwortliches Handeln (also „responsibility conditions“) zu schaffen. Damit ist die Plattform auch ein Beispiel dafür, wie Forschung anschlussfähiges Wissen schafft. Felt erklärt: „Es ist für uns als ForscherInnen immer wieder wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir Teil der Gesellschaft sind und nicht isoliert existieren.“ Das bedeutet, wenn sich gesellschaftliche Werte verändern, wie z.B. das verstärkte Streben nach Accountabiliy, verändert das auch die Wissenschaft. Daher sieht Felt die Universitäten in der Verantwortung, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Wissenschaft sich auf die Forschung auswirken.

Verantwortliches Handeln darf kein Wettbewerbsnachteil werden

Aus der Arbeit des Forschungsteams geht auch hervor, dass derzeit nur Teilbereiche von Responsible Research von den Forschenden als Priorität gesehen werden. Hier steht vor allem die „good scientific practice“ im Vordergrund, d.h. der sorgfältige Umgang mit Daten, die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen oder korrektes Zitieren, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Geht es jedoch darum, die eigene Forschung stärker an gesellschaftlichen Werten und Bedürfnissen auszurichten und auch die Forschungsergebnisse wieder in das Feld zurückzuspielen, so werden diese Anstrengungen weder von herrschenden Evaluationsmechanismen berücksichtigt, noch als besonders wichtig für eine akademische Karriere angesehen. Auch wenn sie von einigen ForscherInnen als wesentlich eingestuft werden, so fehlt dennoch häufig die Zeit dafür. „Die Universitäten stehen in der Verantwortung, ihre Bewertungsmechanismen zu überdenken sowie Zeit und Raum für Reflexion zu schaffen, damit verantwortliches Handeln für Forschende nicht zum Wettbewerbsnachteil wird“, schließt Fochler. (il)

Eckdaten

  • Forschungsplattform: „Responsible Research and Innovation in Academic Practice“
    Laufzeit: 05/2015–01/2021
    Beteiligte und PartnerInnen: Institut für Wissenschafts -und Technikforschung: Ulrike Felt (Leitung), Maximilian Fochler, Florentine Frantz, Michaela Scheriau, Lisa Sigl; Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung: Andreas Richter (stv. Leitung)
    Finanzierung: Universität Wien
  • Titel: „Borderlands of Good Scientific Practice“
  • Laufzeit: 02/2017–01/2021
  • Beteiligte und PartnerInnen: Ulrike Felt, Florentine Frantz
  • Institut: Institut für Wissenschafts- und Technikforschung
  • Finanzierung: Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
  • Titel: „Understanding the entanglements of valuation practices and subjectification processes in life science research“
  • Laufzeit: 01/2019–06/2022
  • Beteiligte und PartnerInnen: Maximilian Fochler, Lisa Sigl, Ruth Falkenberg
  • Institut: Institut für Wissenschafts- und Technikforschung
  • Finanzierung: FWF – Der Wissenschaftsfonds

 Videos

Felt, Ulrike. 2018. Transforming European universities: Towards new understandings and practices of engagement and responsibility. University of Zurich, 5–6 April 2018 (Key-note talk presented at the annual meeting of the European University Association “Engaged and Responsible Universities Shaping Europe”).

Felt, Ulrike. 2017. Academic Citizenship: What is a rightful place for society in science? Ispra, Italy, 9 March 2017.

Felt, Ulrike. 2016. Improving R&I by making it more responsive to societal needs and values. Brussels, 21–22 November 2016.

Felt, Ulrike. 2016. Challenging responsibility: How to make RRI work in a sustainable manner. Brussels, 21–22 November 2016.

Felt, Ulrike. 2015. Response-able practices or „new bureaucracies of virtue“? The challenges of making RRI work in academic environments. Responsible Innovation: a European Agenda? Den Haag, 24–25 August 2015.

 

 

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