Studierendengruppe untersucht die Selbstvermarktung indigener Kultur – „Ethnicity Inc.“ (Comaroff und Comaroff) – und mit dem gesamten Interaktionsprozess auch sich selbst. Wichtig dabei ist, dass der gesamte Rahmen und Ablauf – die „Choreograhie“ – von den indigenen DarstellerInnen vorgegeben wird. © Manuela Zips-Mairitsch

Adoptierte AnthropologInnen

Überblick

  • In Namibia steht rund ein Fünftel des Landes unter der Verwaltung von sogenannten community conservancies, Schutzgebieten, die von demokratischen kommunalen Foren verwaltet werden. Ihr Ziel ist es, Natur- und Artenschutz, traditionelle Kultur sowie Ökonomie und wirtschaftliche Entwicklung in Einklang zu bringen.
  • Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Werner Zips und Manuela Zips-Mairitsch untersucht mittels Feldpraktika in Namibia und Südafrika, ob die ökologischen und ökonomischen Ansprüche Resonanz in der Realität finden.
  • Die so entstandenen Fallstudien machen darüber hinaus die nur bedingte Tauglichkeit des Begriffs Neoliberalismus für die Analyse der ökonomischen und sozialen Verhältnisse im südlichen Afrika deutlich.

Natur- und Artenschutz als Wirtschaftsmotor? Tourismus als Maßnahme zur Ermächtigung bisher benachteiligter Bevölkerungsgruppen? In vielen Regionen im südlichen Afrika werden Konzepte dieser Art modellhaft umgesetzt. Werner Zips und Manuela Zips-Mairitsch haben mit einem Team von Postgraduate-Studierenden in Namibia und Südafrika erforscht, ob die sozialen und ökonomischen Verheißungen der Realität standhalten.

„Es mag ein wenig romantisch und vielleicht sogar pathetisch klingen, aber tatsächlich ist es eines der erklärten Ziele des grenzüberschreitenden Nationalpark-Gedankens im südlichen Afrika, die willkürlichen Grenzziehungen als ‚Narben des Kolonialismus‘ zu überwinden“, sagt Werner Zips vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien; künstliche Grenzziehungen wie etwa den sogenannten Caprivi Strip oder Caprivizipfel im Nordosten Namibias, der die Folge eines imperialistischen Kuhhandels zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Deutschen Reich im Jahr 1890 war. Heute bildet der Caprivizipfel einen Teil der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area, die Gebiete in Namibia, Sambia, Simbabwe, Angola und Botswana umfasst und mit rund 520.000 km2 rund sechsmal so groß wie Österreich ist.

„Die Idee dahinter ist es aber auch, der Ökologie die Räume wieder zu eröffnen, die sie verloren hat“, erläutert Zips die Überlegungen der Verantwortlichen. Er hat gemeinsam mit Manuela Zips-Mairitsch in den Jahren 2014 bis 2020 das Projekt „Die Ökonomie von Natur- und Artenschutz in Afrikas Grenzregionen“ geleitet und erforscht, in welcher Weise sich die in Namibia, Botswana und Südafrika implementierten Konzepte der Vereinbarkeit von Ökonomie, Ökologie und traditioneller Kultur auswirken.

Wenn ein einziger geschossener Elefant ein ganzes Naturschutzgebiet finanziell erhält, dann kann man die Jagd nicht gleich vom Tisch wischen.

„Der Schlüssel ist die Selbstverwaltung“, erklärt Zips. In Namibia stehen 20 Prozent des Landes unter der Verwaltung von sogenannten community conservancies, demokratischen kommunalen Foren, die Natur- und Artenschutz, traditionelle Kultur sowie wirtschaftliche Entwicklung unter einen Hut bringen sollen. Sie stehen in Kontakt mit dem nationalen Umweltministerium, agieren aber weitgehend autonom. Dorfgemeinschaften werden zu Tourismusunternehmen. „Sie schützen die Tiere, sie schützen die Natur, damit die Touristen kommen“, erzählt Zips. Selbst die kommerzielle Jagd, etwa auf Elefanten, ist unter strengen Auflagen in manchen Schutzgebieten erlaubt. Zips gesteht gern zu, dass das auf den ersten Blick nicht nur für TierschützerInnen befremdlich wirkt: „Aber wenn jährlich ein einziger geschossener Elefant die Nyae Nyae Conservancy an der Grenze zu Botswana finanziell erhält, dann kann man eine artenschutzkonforme Bejagung nicht gleich vom Tisch wischen.“ Wenigstens gebe es strenge Regeln: „Früher war das Gebiet ein Supermarkt für die white hunters. Jeder hat geschossen, was ihm vor die Flinte lief.“ Der Erhalt großflächiger Naturräume und der darin vorkommenden Wildtiere hat zudem immense Bedeutung im Kampf gegen Klimawandel. Aber natürlich läuft das Konzept auf die Kommodifizierung von Natur und Kultur, auf die Vermarktung von natürlicher Wildnis und Ethnizität hinaus. Noch immer wirbt die Tourismus-Industrie im südlichen Afrika mit rassistischen Stereotypen: der „Mythos der Buschmänner“ oder die „ockerfarbenen Frauen der Himba“ sind nur zwei Beispiele, die Zips nennt.

Es gibt einen Witz in Ostnamibia: Woraus besteht eine San-Familie? Aus Eltern, Kindern, Großeltern, Urgroßeltern und einem Anthropologen.

Im Rahmen mehrwöchiger Aufenthalte führten die Studierenden Interviews mit den BewohnerInnen der conservancies; sie lebten in den Dörfern und führten, wenn man so will, klassische Feldforschung durch. Dazu bedarf es eines klaren historischen Bewusstseins für die bis zur Unabhängigkeit (im Jahr 1990) vorherrschenden Formen der Diskriminierung, Apartheid und Abhängigkeit. Forschung in postkolonialen Kontexten braucht eine erhöhte Sensibilität, die nicht mit einem Schuldkomplex verwechselt werden sollte. Die San – als die ethnologisch vielleicht am besten erforschte Gesellschaftsformation – können sehr gut unterscheiden, was in ihrem Interesse liegt und was nicht, sofern sie korrekt über die Forschungsziele informiert werden, meint Zips. „Es gibt einen Witz in Ostnamibia: Woraus besteht eine San-Familie? Aus Eltern, Kindern, Großeltern, Urgroßeltern und einem Anthropologen.“ Wenn die San den Eindruck haben, dass das, was man als AnthropologIn tut, in ihrem Interesse ist, „dann wird man de facto adoptiert und erhält einen San-Namen. Das ist kein koloniales Verhältnis, sondern eher umgekehrt: du wirst in die San-Familie integriert.“ Aber natürlich werden die ForscherInnen zum Teil der lokalen Ökonomie, erläutert Zips: „Die San verkaufen ihr Kunsthandwerk an uns, aber in zum Teil schönen Choreografien: Man macht die Handwerkskunst zusammen, die Studierenden werden (wie reguläre TouristInnen) angeleitet und bezahlen dafür, behalten dann aber den Schmuck. Wir sind die Schüler, die San sind die Lehrenden.“

Ziel des Forschungsprojektes war es, im Rahmen von Feldpraktika ganz im Sinne des Bourdieu’schen Feldbegriffs die Veränderungen, Verschiebungen und Neukonfigurationen der Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Dorfgemeinschaften in Namibia und Südafrika zu analysieren. Wie verteilt sich der Nutzen? Was bedeuten bestimmte soziale Verhältnisse wirklich für die jeweilige Bevölkerung? In welcher Form sind die AkteurInnen in die Vermarktung ihrer Ethnizität eingebunden? Welche Folgen hat all das für Natur- und Artenschutz sowie für den traditionellen kulturellen Ausdruck? Entstehen ungewollt neue Formen der Ausbeutung und Unterdrückung?

„In den conservancies entscheiden die Leute selbst, wie sie ihre Kultur darstellen und wie sie diese repräsentieren“, gibt Zips zu bedenken. Das ist ein demokratischer Prozess, auf der Basis von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung, nicht nur ein Lippenbekenntnis. Zips hält es für zentral, „nicht einfach das Vorurteil der ‚bösen Vermarktung‘ zu übernehmen, sondern nachzufragen: Was passiert on the ground?“ Für die San in Namibia mache die Eigentümerschaft „ihres“ Landes einen großen Unterschied. Sie können selbst entscheiden, was sie tun, welche Tänze sie aufführen – „die Kultur erhält Wert, denn es kommen Leute von weit her, um sich das anzusehen“, erklärt Zips. Daraus entstehen im Übrigen auch unvorhergesehene intergenerationale Fragen. Junge Leute, die auch in Ostnamibia eher urban orientiert sind, Hip-Hop hören und sich in ihrem Kleidungsstil nicht wesentlich von New Yorker Jugendlichen unterscheiden, lernen plötzlich, die alte Kultur zu schätzen, das Jagen und Sammeln, die Trance- und Heilungstänze. „Es wird gewissermaßen das Machtverhältnis auf den Kopf gestellt“, argumentiert Zips, „denn zuvor war bei jungen Generationen alles Importierte erstrebenswert und das eigene Vermächtnis obsolet. Und aus diskursethischer Sicht ist das alles viel näher an demokratischen Formen der Meinungs- und Willensbildung als jemals zuvor.“

In den conservancies entscheiden die Leute selbst, wie sie ihre Kultur darstellen und wie sie diese repräsentieren.

Kann (oder muss) man diese Praktiken als Teil eines neoliberalen Modells und Ausbeutung zweiter Ordnung anprangern? Zips hat mit dem Terminus Neoliberalismus keine Freude. „Das ist ein unglücklich gewählter Kampfbegriff, unter dem sich alles versammelt, was man nicht haben will.“ Es brauche sozialwissenschaftliche Theorien, die Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse fassen können, aber „der Begriff Neoliberalismus gibt die Antwort schon, bevor man überhaupt eine Frage gestellt hat“, meint Zips. Natürlich würden auch internationale Konzerne von den Nationalparks und deren Produkt „unberührter Wildnis“ profitieren, aber es gebe eben auch Karrieren wie die des Assistenz-Rezeptionisten in einem privaten südafrikanischen Wildreservat, der binnen weniger Jahre zum General Manager eines großen Resorts aufgestiegen sei. In Südafrika bestehen viele Anreize für Tourismusbetriebe, in die Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte zu investieren. Gesetzliche Druckmittel wie die zentralen Black-Economic-Empowerment-Regelungen sind da durchaus hilfreich.

Das namibische Modell der communal conservancies hingegen verhelfe bisher strukturell benachteiligten Bevölkerungsgruppen dazu, als Kollektive in Macht- und Entscheidungspositionen zu gelangen. „Und ja, es gibt viel Literatur über den Fluch der neoliberal conservation“, sagt Zips, „aber ich habe in diesem Zusammenhang oftmals Idealisten kennengelernt, die ein Stück Land mit den darauf wild lebenden Tieren erhalten und zugleich soziale Transformation voranbringen wollten.“

Wahr ist aber auch: Es werden in und mit den Parks Erwartungen geschaffen, die mitunter unerfüllbar sind. „Ein Nationalpark wie Südafrikas iSimangaliso Wetland Park – das Fallbeispiel des Südafrika-Feldpraktikums – soll die ganze Region empowern: das ist eine Überforderung. Trotz der massiven Naturschutzinvestitionen in einem riesigen Gebiet, das aus zehn verschiedenen Parks zusammengesetzt ist, werden nicht in kurzer Zeit Hunderttausende profitieren, wie das vielleicht das staatliche Werben für den Park nahegelegt hat“, erklärt Zips. Unter den Studierenden, erzählt der Projektleiter, überwog die kritische Sicht auf das Entwicklungskonzept von iSimangaliso. „Viele waren der Meinung, da sei zu wenig passiert. Wenn sie Leute auf der Straße im Dorf fragten: ‚Und was hast du persönlich von dem Park?‘, antworteten die meisten: ‚Nix.‘“ Doch diese Befunde müsse man im Feld austarieren und einordnen. „Wenn man Passanten auf der Ottakringer Straße fragt, was sie von den Neuinszenierungen in der Staatsoper haben, würden die meisten auch antworten: Nix.“

Selbstverständlich sind dies ganz grundlegende Diskussionen, die unterschiedliche Positionen ermöglichen – die Spannungsverhältnisse werden auch im 2019 erschienenen Sammelband „Bewildering Borders“, herausgegeben von Projektleiterin und Projektleiter, sichtbar. Was seinen Output betrifft, ist das Projekt im Übrigen höchst produktiv und greift weit über die primäre Zielgruppe von WissenschafterInnen hinaus. Neben dem Sammelband sind vier Masterarbeiten entstanden; vor allem aber kooperiert der Filmemacher Werner Zips mit dem Fernsehsender 3sat, wo seine Dokumentationen häufig zur besten Sendezeit gezeigt werden und tatsächlich ein Millionenpublikum erreichen (siehe unten). Manuela Zips-Mairitsch hat nicht nur ihre Dissertation über den Rechtsstreit der San um die Zentralkalahari, sondern auch einen Kriminalroman vor diesem sozialgeschichtlichen Hintergrund veröffentlicht und viele TV-Dokumentationen mitgestaltet. Insbesondere mit diesen Filmen erhebt Zips ganz bewusst einen pädagogischen Anspruch: „Ich sehe mir wahnsinnig gern Tierdokumentationen an, aber seien wir ehrlich: Das sind ganz tolle, oftmals sehr aufwendig gemachte Märchenfilme. Die Umwelt, die in diesen Produktionen gezeigt wird, existiert oftmals einfach nicht mehr in dieser idealisierten Form, und der Mensch kommt ganz selten vor.“ Zips pflegt einen anderen Zugang und zeigt beispielsweise in seinem neuesten, in Gabun gedrehten Film eindringlich die Folgen der Plastikverschmutzung an dem insgesamt 900 Kilometer langen Küstenstreifen, am Beispiel der Nationalparks von Loango und Pongara. Die Lederschildkröten sind dort praktisch ausgestorben. „Ich habe, wenn Sie so wollen, den umweltethischen Selbstauftrag, diese Entwicklungen einem größeren Publikum zu kommunizieren“, sagt Zips. „Wenn das eine Zumutung ist, dann werden wir sie uns zumuten müssen. Denn wir sind gerade dabei die selbstvernichtende Zerstörung des Regenwaldes zu vollenden.“ (tg)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: Die Ökonomie von Natur- und Artenschutz in Afrikas Grenzregionen
  • Laufzeit: 2014–2020
  • Projektteam: Werner Zips, Manuela Zips-Mairitsch und Postgraduate-Studierende der Kultur- und Sozialanthropologie
  • Institut: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie
  • Finanzierung: Forschungspraktika im Rahmen des MA Kultur- und Sozialanthropologie, European Science Foundation im Rahmen von ABORNE (African Borderlands Research Network)

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