Das Bild zeigt das Multimediazentrum, eine Kirche im Hintergrund und die Straße davor. Durch die langsame Belichtung bei Nacht ziehen die Rücklichter von Autos rote Spuren.

© Alexander Schieberle Fotografie – www.alexschieberle.de

MigrantInnen als Motor für Stadterneuerung?

Überblick

  • Sozialanthropologin Ayşe Çağlar erforscht den Einfluss von MigrantInnen auf die Entwicklung „entmachteter Städte“ und die verschiedenen Wege, wie MigrantInnen Teil urbaner Erneuerungsprozesse werden.
  • In einem Versuch, sich neu zu positionieren, setzt neoliberale Lokalpolitik auf migrantInnenfreundliche Narrative. Im Zuge dieser Politik erwerben MigrantInnen und Diversität „Wert“.
  • Stadtverwaltungen nutzen Multikulturalismus bewusst als strategisches Instrument, um neue Investoren anzulocken. Während so zusätzliches Kapital in die Städte fließt, nimmt die Ungleichheit zwischen (migrantischen und nicht-migrantischen) BürgerInnen zu.

Wann präsentiert sich eine Stadt als offen und migrantInnenfreundlich? Welche Rolle spielen Zugezogene bei der Stadtentwicklung? Und welche Folgen hat es, dass neoliberale Politik oft gezielt auf MigrantInnenzuwachs bei der Umstrukturierung angeschlagener Städte setzt? Seit über 15 Jahren erforscht Ayşe Çağlar vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie die Zusammenhänge zwischen Migration, neoliberaler Globalisierung und Stadtentwicklung.

Abseits florierender Hauptstädte und Kulturmetropolen liegen Städte wie Halle an der Saale (Deutschland), Manchester (New Hamsphire, USA) oder Mardin (Türkei). Trotz der unterschiedlichen Größe, Geschichte, Zusammensetzung der Bevölkerung und geografischen Lage lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen: Gezeichnet von Entmachtung und Deindustrialisierung, schwindendem Wohlstand und Bevölkerungsabwanderung, nutzen die Stadtverwaltungen in allen drei Städten ausdrücklich migrantInnenfreundliche Narrative und setzen auf kulturbasierte Stadtentwicklung. „Wir betrachten die Netzwerke, Beziehungen und Praktiken von MigrantInnen und setzen sie in Beziehung zu dem jeweiligen Ort, seiner transnationalen Relevanz und seiner Geschichte. Wir sehen uns Konzepte für kulturelle Diversität an – in der Politik, in Projekten, in der Stadtplanung – und analysieren, wie sie in der räumlichen und sozialen Reorganisation reflektiert werden und was sie für die Generierung von Wohlstand von Städten und deren BewohnerInnen (inklusive MigrantInnen) bedeuten“, erklärt Ayşe Çağlar. „Wir“ meint neben Ayse Caglar die amerikanische Migrationsforscherin Nina Glick Schiller; weitere ForscherInnen, wie Evangelos Karagiannis und Ayse Seda Yuksel (inzwischen beide Postdoc an der Universität Wien), waren zu verschiedenen Zeitpunkten Teil des Projekts.

Laut Çağlar haben MigrantInnen in der Gesellschaft eine zwiespältige Rolle, sie sind gefangen im Spannungsfeld rechtspopulistischer und neoliberaler Narrative. „Hier offenbaren sich die Bruchlinien hegemonialer Macht, was das Thema zu einer idealen Linse macht, um soziale Prozesse zu beobachten“, erklärt Çağlar. „Unsere Erkenntnisse, die gemeinsam mit den EinwohnerInnen entstehen, spielen wir dann auch gleich wieder an die StadtentwicklerInnen zurück.“

Diversität und Minderheiten als strategischer Rettungsring neoliberaler Politik für angeschlagene Städte.

Çağlars Fokus liegt vor allem auf Städten, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Gezeichnet von Umstrukturierung und/oder Abwanderung, sind sie häufig auch ehemalige Industriemetropolen, die darum kämpfen, ihr früheres Ansehen zurückzugewinnen. „Diese Städte sind in Bezug auf den Zugang zu nationalem und globalem Einfluss, Kapitalinvestitionen und Ressourcen entmachtet“, erklärt die Sozialanthropologin. Stadtregierungen adressieren MigrantInnen als wichtigen Faktor, um dem negativen Image ihrer Städte als „sich im Niedergang befindend“, gefährlich oder rassistisch zu begegnen. Das ist einerseits wichtig, um eine kapitalfreundliche Umgebung für Investments zu schaffen, kreiert andererseits aber auch unterschiedliche Möglichkeiten für MigrantInnen, insbesondere im Rahmen von Lokalpolitik.

Migration und Multikulturalismus werden plötzlich wichtig für das Stadtbranding.

Ganz im Sinne eines „kosmopolitischen“ Marketings werden MigrantInnen plötzlich als wichtige Ressource gesehen – nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als wichtige politische Kraft sowie als sozialer, ökonomischer und kultureller Faktor. Hier bedient sich neoliberale Stadtentwicklung des Selfmademan-Images von MigrantInnen, die sich auf ihre eigenen Netzwerke und deren Kapital verlassen können sowie leerstehende Lokale und brachliegende Flächen wiederbeleben. Man erhofft sich, dass der Zuwachs durch transnationale Verbindungen Partner und Investoren in die Städte bringt. „Die so oft verschrienen MigrantInnen werden zu einem strategischen Tool, deren Wert je nach Bedarf konstruiert und modifiziert wird“, so Çağlar. „Wir müssen diese Valorisierung von MigrantInnen, Minderheiten und Diversität in Bezug zu urbanen Sanierungskonzepten und -strategien setzen.“

MigrantIn ist keine angemessene Analyseeinheit.

„‚MigrantIn'‘ ist keine zufriedenstellende Analyseeinheit, vor allem, wenn es um Stadtentwicklungsstrategien geht. Zum einen ist der Begriff unglaublich schwammig, eine große, heterogene Gruppe wird da einfach über einen Kamm geschoren, denn wer ist jetzt MigrantIn, wer ist Expat und wer ist Binnenvertriebene/r? Zum anderen trägt der Begriff zur Spaltung unserer Gesellschaft bei“, erklärt Çağlar. Forschung, welche die Trennung zwischen MigrantInnen und „Nicht-MigrantInnen“ operationalisiert, hindert uns daran, die Gemeinsamkeiten, die zwischen diesen Gruppen von Menschen bestehen, als Ergebnis widersprüchlicher neoliberaler Stadtentwicklung zu erkennen und zu analysieren. Denn während sich lokalpolitische Narrative explizit an MigrantInnen wenden, fühlen sich nicht-migrantische ArbeiterInnen leicht ausgeschlossen. Das führt zu Unmut, der sich selten gegen die Stadtverwaltung richtet, sondern häufig in rassistischen Ressentiments gegen MigrantInnen resultiert. „Da brauchen wir nicht mal zu den USA hinüberschauen, das passiert gerade auch bei uns“, so die Forscherin. „Oft wäre ein Klassenbegriff zielführender. Häufig meinen Politiker, wenn sie von einer migrantischen Zielgruppe sprechen, eigentlich nur wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen – eine migrantische Attribution ist hier also unnötig und kontraproduktiv.“

Was die Forscherinnen ebenfalls beobachten, ist, dass Stadtregierungen in ihrem Versuch, sich neu zu positionieren, in ihren Narrativen zwar die kulturelle Vielfalt bedienen, gleichzeitig aber Steuererleichterungen und günstiges Bauland nur an Investoren und große Firmen vergeben. „Weil öffentliche Gelder nur an diese vergeben werden, gewinnen Städte und ihre EinwohnerInnen dabei meist nur temporär etwas – oft ist die Stadt nach einer kurzen Stippvisite größerer Business-Player ärmer als vorher. In allen Städten, die wir untersucht haben, ist die städtische Verschuldung im Zuge mehrerer Jahre Stadtentwicklung gestiegen, während die Ungleichheit zugenommen hat und die EinwohnerInnen ärmer zurückblieben also zuvor. Dies entspricht einem gängigen neoliberalen Handlungsmuster“, erklärt Çağlar.

Wir können uns nicht immer auf offizielle Statistiken verlassen.

Das Buch “Migrants and City-Making: Dispossession, Displacement, and Urban Regeneration” von Ayşe Çağlar und Nina Glick Schiller erscheint im Sommer bei Duke University Press.

Seine Erkenntnisse gewann das Team durch zahlreiche Interviews und teilnehmende Beobachtung in Manchester, Halle an der Saale und Mardin. „Wir haben an kulturellen Veranstaltungen und Gottesdiensten teilgenommen und mit migrantischen UnternehmerInnen gesprochen, um Einblicke in die Art und Weise zu gewinnen, wie MigrantInnen soziale Beziehungen zu Nicht-MigrantInnen aufbauen und an der Stadterneuerung und -entwicklung teilnehmen“, erklärt Çağlar. Statistische Hintergrundinformationen und geschichtlicher Kontext ergänzten die Ethnographien, die statistische Datenlage gestaltete sich jedoch teils schwierig: „Leider können wir uns nicht immer auf die offiziellen Statistiken verlassen. Nehmen wir die Türkei als Beispiel: Offizielle Statistiken der türkischen Behörden bezüglich Binnenflüchtlingen (Internally Displaced People) geben an, dass ca. 400.000 Menschen gewaltsam aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden und nun in einer anderen türkischen Region leben. Das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und andere NGOs gehen jedoch von ein bis drei Millionen Binnenflüchtlingen in der Türkei aus – das ist ein riesiger Unterschied“, so die Wissenschafterin. „Wir haben auch Dokumente von WikiLeaks verwendet. Für unsere Forschungen in Mardin haben sie uns wichtige Hinweise über Institutionen, ExpertInnen und Politiken geliefert. Ohne Informationen über diese Einbettung von MigrantInnen/Minderheiten in sehr breite Netzwerke innerhalb von Städten wären viele ExpertInneninterviews nicht zustande gekommen.“

Impulse in Richtung Politik setzen

Çağlar hofft, dem „methodischen Nationalismus der meisten Migrations- und Politikstudien entgegenzuwirken“, deren Paradigmen sich häufig ausschließlich auf Forschung über aufstrebende Großstädte und wachsende Metropolen bzw. Gateway-Städte stützt. „Diese Paradigmen dürfen nicht einfach generalisiert werden. Vergleichen wir Mardin und Istanbul oder Berlin und Halle an der Saale, herrschen dort komplett andere Voraussetzungen, Dynamiken und Machtbeziehungen. Gerade weil wir ja auch Impulse für die Politik setzen wollen, müssen unsere Empfehlungen differenziert und für die RezipientInnen angemessen sein.“

„Wir sehen starke Auswirkungen unserer Forschungen auf die Politik und werden auch sehr aktiv angefragt“, unterstreicht Çağlar. Die Forscherin war mehrere Male bei den Vereinten Nationen zu Gast, um an Diskussionen zur Vorbereitung des Global Compact on Refugees teilzunehmen. In ähnlicher Weise fanden die Forschungen Widerhall in einer strategischen Beratungsgruppe des Premierministers von Singapur und deren Diskussionen zu „urban governance“. „Unser Buch ‚Migrants and City-Making: Dispossessions, Displacement, and Urban Regeneration‘ erscheint dieser Tage. Es ist ein Buch, das nicht nur für die wissenschaftliche Community geschrieben ist – unseren Societal Impact denken wir stets mit, das macht sich auch in unserer Sprache bemerkbar“, so Çağlar. (il)