Eine Person und Monika Palmberger sind von hinten abgelichtet während sie am Gehsteig eine Straße entlang gehen. Die Person zeigt mit dem rechten Arm nach rechts über die Straße leicht nach oben, beide blicken in diese Richtung.

Auf einem Erinnerungsspaziergang in Wien. © Ogül Büber

Walking in Vienna

Überblick

  • An welchen Orten verankern die MigrantInnen der 1960er und 1970er Jahre ihre Wiener Erinnerungsorte und -räume?
  • Mit eigens entwickelten “memory-guided city walks” und narrativen Interviews geht Monika Palmberger diesen und anderen Fragen nach.
  • Das Forschungsprojekt “Placing Memories. Ageing Labour Migrants in Vienna” will nicht zuletzt das kollektive Gedächtnis der Stadt um die migrantische Perspektiven erweitern.

Sie kamen als „GastarbeiterInnen“ und sind geblieben. Doch die spezifischen Erfahrungen und Erzählungen der türkischen, kurdischen und jugoslawischen MigrantInnen der 1960er und 1970er Jahre nehmen nur wenig Raum ein, wenn die Stadt Wien sich ihrer selbst erinnert. Monika Palmbergers Projekt “Placing Memories” will das verändern.

Der Spaziergang mit Deniz M. (Name geändert) endete in der Aida am Stephansplatz. „Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet“, erinnert sich Monika Palmberger, Elise Richter Research Fellow am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Und in der Tat: Wer hätte vermutet, dass die Aida, eine Altwiener Konditorei- und Kaffeehausinstitution, stereotypischerweise frequentiert von Josefstädter Hofratswitwen mit Fuchspelzkappen, und ausgerechnet die Filiale gegenüber vom Stephansdom, in den 1970er Jahren ein beliebter Treffpunkt für türkische „GastarbeiterInnen“ war!?

„Begonnen haben wir am Südbahnhof“, erzählt Palmberger. „Von dort führte er mich zu seiner ersten, winzigen Wohnung und von dort ein paar hundert Meter weiter zu einem Eissalon – der erstaunlicherweise 45 Jahre später immer noch existiert.“ Deniz M. kam in den frühen 1970er Jahren als „Gastarbeiter“ gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder aus Anatolien nach Wien, und in den ersten Wochen beschränkte sich der Bewegungsspielraum der beiden jungen Männer auf die Strecke Wohnung–Eissalon und retour. „Hand in Hand hin und zurück. Erst allmählich haben sie sich die Stadt – und eben auch die Aida am Stephansplatz – erschlossen“, sagt Palmberger. „Später kamen Deniz' Frau und Kinder nach, und dann erhielt Wien wieder ein anderes Gesicht, zumal beide Kinder gehörlos waren und die Familie sich daher gezwungen sah, spezielle Unterstützungsangebote aufzusuchen. Es stecken dichte Lebensgeschichten hinter den Erinnerungen.“

Für ihr FWF-Projekt “Placing Memories. Ageing labour Migrants in Vienna”, das von 2015 bis 2018 lief, hat Palmberger die von ihr in Mostar entwickelte Methode der “memory-guided city walks” (auf Deutsch „Erinnerungsspaziergänge“) weiter verfeinert. Dabei macht sich die Sozialwissenschaftlerin gemeinsam mit InterviewpartnerInnen auf den Weg durch die Stadt. „Ich überlasse es ihnen, welche Plätze wir gemeinsam aufsuchen wollen“, erzählt Palmberger. Zumeist sind es persönliche Orte wie die erste Wohnung oder die erste Arbeitsstelle, häufig auch Zentren sozialen Lebens wie der Wurstelprater (wo es früher auch türkische Kinos gab), Parks oder Kaffeehäuser. Die Aida eben.

Es stecken dichte Lebensgeschichten hinter den Erinnerungen.

Forscherin und ForschungspartnerIn (so nennt Palmberger die von ihr interviewten Personen) besuchen also gemeinsam Orte, die von Letzteren mit Erinnerungen gefüllt wurden. „Dadurch haben wir eine gemeinsame Blickrichtung, und wir bewegen uns; das ist ausschlaggebend für die Qualität der Gespräche“, erklärt Palmberger. „Die Situation ist weit weniger konfrontativ als in einem herkömmlichen Interview, da wir nebeneinander hergehen und nicht einander gegenübersitzen. Die Perspektivenverschiebung macht einen großen Unterschied, aber vor allem geht es mir ja nicht nur um die Orte, sondern auch um die Wege.“ Und diese werden eben nur fassbar, wenn man sie auch beschreitet.

Die gemeinsame Bewegung ist ausschlaggebend für die Qualität.

Das Projekt versteht sich als ethnografisch und will mit qualitativen Methoden – vor allem narrativen Interviews und den erwähnten Erinnerungsspaziergängen – darstellen, welche Orte jenen MigrantInnen, die in den 1960er und 1970er Jahren nach Wien kamen, als Erinnerungsorte und -räume dienen. „Wie haben sie sich die Stadt angeeignet? Wo und wie haben sie sich positioniert?“, erläutert Palmberger den Zugang. Dabei ist der heutige ErzählerInnenstandpunkt entscheidend: „Die meisten dieser Leute befinden sich heute im Übergang zur Nacherwerbsphase; sie gehen in Pension. Ihre Erinnerungen erzählen uns ja nicht nur vieles über die Vergangenheit, sondern auch über ihre aktuelle Situation und ihre Zukunftserwartungen.“ Der heutige Blick auf die damalige Migrationsentscheidung, Vorstellungen über das Altern und das Leben im Alter, die Bildungs-, Karriere- und Entwicklungschancen der Kinder: an den Erinnerungsorten kann eine ganze Menge ambivalenter Narrative sichtbar werden. Denn schließlich fungieren Orte als Brücken, um multilokale Vergangenheit einzufangen.

Unter anderem aber geht Palmberger der Frage nach: „Wie können die marginalisierten Geschichten der ‚GastarbeiterInnen‘ erzählt werden? Obwohl Wien massiv durch Migration geprägt wurde, obwohl der migrantische Beitrag zum ‚Wiederaufbau‘ gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, sind die ‚GastarbeiterInnen‘ nicht im kollektiven Gedächtnis der Stadt oder des Landes verankert“, erklärt sie. Es ist ein erklärtes Ziel des Projekts, dazu beizutragen, die kollektive Erinnerung der Stadt zurechtzurücken. „Einige meiner ForschungspartnerInnen haben ganz explizit diesen Wunsch geäußert“, sagt Palmberger. „Sie haben am ‚Wiederaufbau‘ teilgenommen und zum Aufschwung nach dem Krieg beigetragen, sie haben Geschichten mitzuteilen, die sichtbar gemacht werden sollen – sie wollen ganz einfach als Teil der Stadt wahrgenommen werden.“

Diese Geschichten sind zu einem guten Teil, aber beileibe nicht ausschließlich Geschichten des sozialen und Bildungsaufstiegs. Eine türkische Mutter etwa quält sich nach vielen Jahrzehnten in Wien mit der Frage, ob es die richtige Entscheidung war, vor vierzig Jahren nach Österreich zu kommen. Zwei ihrer fünf Kinder mussten – nicht zuletzt aufgrund von Problemen mit der deutschen Sprache – in die Sonderschule gehen, eines dieser beiden Kinder arbeitet heute als Friseurin, doch die Mutter ist überzeugt, in der Türkei hätte die Tochter auch Ärztin werden können.

Langsam, aber sicher beginnt das Thema migrantischer Erinnerung Einzug in aktuelle politische Auseinandersetzungen zu halten. „Unlängst wurde ich zu einer Diskussionsrunde ins Filmcasino in Wien-Margareten eingeladen“, erzählt Palmberger. Das Filmcasino diente, dies aber nur nebenbei, in den 1980er Jahren als Heimstätte eines jugoslawischen Kulturvereins. Das Thema der Diskussion lautete ganz allgemein: Perspektiven aufs Altern, und in diesem Zusammenhang sollten – ungewöhnlich genug – auch migrantische Sichtweisen und Spezifika berücksichtigt werden. „Da geht es zum Beispiel um die Frage des Pendelns; manche MigrantInnen wollen in der Nacherwerbsphase ein halbes Jahr hier und ein halbes Jahr in der alten Heimat leben, aber das wird strukturell behindert“, weiß Palmberger. „Wenn sie eine Ausgleichszahlung zu ihrer Pension bekommen, dürfen sie sich nicht länger als zwei Monate pro Jahr im Ausland aufhalten.“ Auch in den Diskussionen rund um die Pflege schlummern, wie Monika Palmberger in den von ihr geführten narrativen Interviews herausgefunden hat, migrantische Perspektiven, die noch vollkommen unbeleuchtet sind.

Die ‚GastarbeiterInnen‘ wollen ganz einfach als Teil der Stadt wahrgenommen werden.

Erinnert an Serbien: Wien und Umgebung. © Monika Palmberger

Rund dreißig Prozent der über 60-Jährigen in Wien sind nicht in Österreich geboren, doch in den politischen Debatten um Altern und Pflege finden diese Menschen und ihre Bedürfnisse praktisch keine Erwähnung. Es ist ein unmittelbarer Output des Projekts “Placing Memories”, diese Positionen sichtbar zu machen. „Schon in der Forschungsarbeit selbst dringt das Projekt nach außen“, findet Palmberger. „Es stößt einen Ermächtigungsprozess an; die ForschungspartnerInnen erfahren, dass ihre jeweiligen Geschichten ihre Berechtigung und ihren Platz haben, dass es Leute gibt, die daran interessiert sind. Sie werden gehört, und das gibt ihnen das Selbstvertrauen, ihre Geschichten auch den Kindern und den NachbarInnen zu erzählen.“

Der Abschluss dieses Artikels gehört einer Serbin, die über 30 Jahre lang als Hausbesorgerin in Hietzing tätig war und als Pflegeassistentin im Krankenhaus Lainz arbeitete. Auch nach ihrer Kündigung als Hausbesorgerin und dem damit verbundenen Verlust der Wohnung blieb sie dem Wiener Nobelbezirk treu – „weil sie die ganze Umgebung, der Rote Berg, der Lainzer Tiergarten, an ihren Heimatort in Serbien erinnern“, erläutert Palmberger. Auch deshalb also leben Menschen in Hietzing: weil es aussieht wie Serbien. (tg)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: Placing Memories. Ageing Labour Migrants in Vienna
  • Laufzeit: 08/2015–07/2018
  • Projektleitung: Monika Palmberger
  • Institut: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie
  • Finanzierung: FWF – Der Wissenschaftsfonds. (Hertha Firnberg-Programm)

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