© Agnieszka Pasieka

Unter Eingeborenen

Übersicht

  • Die Sozialwissenschaftlerin Agnieszka Pasieka untersucht Gruppen italienischer, polnischer und ungarischer RechtsextremistInnen.
  • Pasieka zufolge lassen sich auch extrem rechte Gruppen als „soziale Bewegungen“ zeichnen. Sie sind völlig anderen Werten und moralischen Prinzipien verpflichtet.
  • Rechte Gruppen pflegen sehr enge Gemeinschaften. Karitative Projekte nehmen dabei ebenso selbstverständlich Platz ein wie Musikfestivals, Gedenkveranstaltungen und polit-strategische Diskussionszirkel.

Wie lebt man am rechten Rand? Darüber wissen die meisten von uns gar nichts; viele stellen sich strategische Zweckgemeinschaften vor, die von Hass, Geifer, Antisemitismus und Fremdenhass zusammengehalten werden. Agnieszka Pasieka war im Feld und kommt zu ganz anderen, jedoch ebenso beunruhigenden Befunden, insbesondere wenn man die Szene unter dem Aspekt sozialer Bewegungen analysiert.

„Wenn wir an die extrem rechte Szene denken, dann glauben wir gern, das wären lauter hirnlose Fußballfans, die nach Abpfiff des Spiels im Stadion bleiben und Parolen brüllen, oder sozial isolierte Hassposter“, erzählt Agnieszka Pasieka, Elise Richter Research Fellow am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. „Doch tatsächlich sind rechte Gemeinschaften wesentlich vielfältiger, als wir annehmen. Es gibt die Fußballfans und Studierende, Arbeitslose und erfolgreiche UnternehmerInnen, reiche Leute und Menschen, die gerade so über die Runden kommen. Die Biografien dieser Leute sind so unterschiedlich, dass es mitunter schwerfällt, Muster zu entdecken.“

Rechte Leben. Eine Untersuchung rechtsextremen Aktivismus heißt das vom FWF geförderte Forschungsprojekt, das Pasieka seit September 2018 durchführt, und ihr Fokus liegt auf der Analyse rechtsextremer Gemeinschaften, die sie als „soziale Bewegungen“ betrachtet, und das kann durchaus für Irritation sorgen: „Bei sozialen Bewegungen denken wir an UmweltschützerInnen oder an Menschen, die AsylwerberInnen unterstützen. Das ist aber nicht notwendigerweise so. Auch rechtsextreme Gruppen haben eine Idee von Bürger- und Bürgerinnenpflichten, sie handeln aufgrund von Werten und ethischen Standards, sie haben eine Vorstellung davon, was es heißt, ein „guter Mensch“ zu sein. Bloß stimmen die meisten von uns mit diesen Werten eben nicht überein.“

Auch rechtsextreme Gruppen handeln nach Werten.

Am Anfang stand ein Musikfestival in Norditalien. Von diesem Festival erfuhr Agnieszka Pasieka in den sozialen Medien der rechten Szene. „Ich war anfangs etwas zögerlich“, gesteht sie. „Aber auf der Website der Veranstalter stand, das Festival richte sich an alle Personen, ‚die besorgt sind um den Zustand Europas‘. Das bin ich auch, dachte ich, und kaufte zwei Tickets.“ Es war kein Problem, das Festivalgelände zu betreten; die Schwierigkeiten begannen etwas später. Pasieka begann, mit Anwesenden zu sprechen, und machte kein Hehl daraus, dass sie als Sozialwissenschaftlerin Feldforschung betreibe und keinerlei Ambitionen habe, Mitglied im Netzwerk zu werden. „Ich kam mit einigen AktivistInnen aus Polen ins Gespräch, doch die hielten mich für eine Journalistin und forderten mich auf, das Gelände zu verlassen. Sie kontaktierten die italienischen Veranstalter, die mich anbrüllten. Das aber gab den Polen zu denken: ‚Hm, die schreien eine Polin an, die müssten wir doch eigentlich beschützen!?‘ Ich hatte große Angst, doch plötzlich änderte sich die Stimmung. Weil ich Polnisch und Italienisch spreche, wurde ich kurzerhand als Dolmetscherin rekrutiert.“ Pasieka vermittelte nicht nur zwischen den polnischen und italienischen Aktivisten, sondern übersetzte auch die vielen auf Italienisch gehaltenen Vorträge, die im Rahmen dieses Festivals gehalten wurden, und nahm so die unmittelbaren Reaktionen der polnischen Gruppe auf die Vorträge wahr. „Das war großartig“, erinnert sich Pasieka. „Seither bin ich mit diesen polnischen und italienischen Gruppen in Kontakt.“

In vielerlei Hinsicht ist das ein ganz klassisches ethnografisches Projekt: Ich beobachte die Menschen in den sozialen Dimensionen, zu denen sie mir Zugang gewähren.

Pasieka hat in den letzten Jahren Musikfestivals, Sommercamps, Wohltätigkeitsaktionen, Ausspeisungen für Bedürftige, Gedenkveranstaltungen, Buchpräsentationen und Diskussionsabende besucht. „Wir sind ja versucht, rechtsextreme Gruppen rein als Strategiezirkel wahrzunehmen, in denen es nur um politische Macht geht“, sagt Pasieka. „Aber häufig steht einfach die Gemeinschaft im Vordergrund: es geht um Freundschaft, darum, miteinander Zeit zu verbringen. Viele hängen buchstäblich jede freie Minute miteinander ab.“

Natürlich wird das Narrativ der Gemeinschaft auch gezielt eingesetzt, um das Leben der Mitglieder rituell in ein Davor und ein Danach zu scheiden, aber im Gegensatz zu vielen Sekten agieren die rechtsextremen Gruppen nicht hermetisch. „Ich frage einfach, ob ich teilnehmen darf. Manchmal ist das kein Problem, manchmal gibt es aber auch geschlossene Veranstaltungen.“

Im Feld kann ich keine militante Anthropologin sein.

„Methodisch ist das ganz einfach teilnehmende Beobachtung, die ich danach verschriftliche“, erläutert Pasieka. „Ich konzentriere mich auf die informellen Unterhaltungen; strukturierte Interviews führe ich nur in wenigen Fällen. Natürlich bin ich nur sehr selten einer Meinung mit den Leuten, die mit mir reden. Aber ich kann auch nicht dauernd widersprechen, denn dann käme überhaupt keine Konversation zustande. Im Feld kann ich keine militante Anthropologin sein. Insofern ist die Feldarbeit schon sehr herausfordernd.“

Zumal jede ethnografische Forschung mit Aspekten der Dankbarkeit verknüpft ist – der Dankbarkeit dafür, dass Menschen ForscherInnen Einblick in ihre Welt gestatten. Potentielle Enttäuschungen aufseiten der Beschriebenen, aber auch aufseiten der LeserInnen der Studie sind dabei treue Begleiterinnen der Sozialwissenschaftlerin: „Manche meiner Kontakte in den rechtsextremen Gruppen werden vielleicht von meiner Darstellung enttäuscht sein; sie suchen vielleicht Beschreibung, ich gebe ihnen Analyse. Aber auch das akademische Publikum ist möglicherweise unzufrieden. Denn ich kann nur die Geschichten erzählen, die Analysen vorbringen, die mir plausibel erscheinen. Und da kann es eben passieren, dass aus der Neonazi-Hexe, die alle erwartet haben, plötzlich eine sehr fähige Kinderkrankenschwester wird.“ Zweifellos war es ein Vorteil, dass Pasieka immer mit offenen Karten gespielt hat: „Undercover-Ethnografie wird ja heutzutage nicht zuletzt aus ethischen Gründen kaum noch unternommen“, sagt die Forscherin. „Das Misstrauen in der Szene gegenüber JournalistInnen ist sehr groß; aber da ich als Sozialwissenschafterin nie verleugnet habe, welche Interessen ich habe, haben die Leute ein bestimmtes Grundvertrauen zu mir entwickelt. Fast alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich bemüht, sozial erwünschtes Verhalten zu zeigen. Kaum jemand war absichtlich besonders provokant, nur um zu sehen, wie ich reagiere.“ Sie wurde sogar weiterempfohlen: Dank der Vermittlung einer italienischen Gruppe kam Pasieka in Kontakt zu den Anführern einer rechtsextremen Vereinigung in Ungarn.

Es liegt Pasieka nicht daran, Werkzeuge zu entwickeln, um den Rechtsextremismus zu bekämpfen. Ihr Interesse liegt in dem Schritt davor: „Im Grunde“, sagt sie, „verfolge ich ein ganz banales Ziel: Ich will verstehen, was rechtsextreme AktivistInnen motiviert und antreibt und wie diese Motivationen und Antriebe in Praxis übersetzt werden. Doch um zu verstehen, ist es notwendig, mit den Menschen zu sprechen.“

Das sind ja zum Teil hochgebildete Leute. Die wollen herausgefordert werden.

Nur warum unterhalten sich die Mitglieder rechtsextremer Gruppen mit einer mutmaßlich linken Sozialwissenschaftlerin? „Naja, das sind ja zum Teil hochgebildete, intelligente Leute, die herausgefordert werden wollen“, erklärt Pasieka. „Viele lieben es zu diskutieren; sie haben viel zu sagen und tun es mit großer Leidenschaft.“

Die Sozialwissenschaftlerin Pasieka ist fest davon überzeugt, dass es einen Wert hat, mit Leuten zu reden, die völlig anderen Überzeugungen anhängen. „Das tun wir ja sonst nicht so gern: Wir leben in unserer Blase und die anderen in ihren, und wir vermeiden den Kontakt miteinander.“ Doch das, gibt Pasieka zu verstehen, hat Folgen für die Gesellschaft. „Mir geht es darum, die Fähigkeit zu kultivieren, eine Konversation zu führen.“ Denn in Pasiekas Projekt erfüllt eine – ernst gemeinte – Unterhaltung zumindest zwei Zwecke: Sie ist die Grundlage der sozialwissenschaftlichen Analyse, aber sie ist zugleich auch angewandte Forschung, weil sie alle TeilnehmerInnen dazu anregt, die eigenen Positionen zu reflektieren und die Perspektiven der anderen zumindest zur Kenntnis zu nehmen.

Darüber hinaus führt Verständnis auch zu unbequemen Erkenntnissen. Der karitative Charakter vieler Veranstaltungen rechtsextremer AktivistInnen – u. a. Ausspeisungen für Bedürftige, Blutspendeaktionen, Hilfe für Waisenhäuser und Tierheime – ist so deutlich, „dass man sich manchmal fragen muss: Warum haben die Menschen sich eigentlich keiner linken Gruppe angeschlossen?“ Nicht wenige von Pasiekas GesprächspartnerInnen gaben Sätze wie den folgenden zu Protokoll: „Wissen Sie, ich habe früher immer links gewählt, aber dann haben sie mich aufgegeben, und jetzt wähle ich diese Jungs.“ Es lässt sich vermutlich nicht quantifizieren, wie viele rechtsextreme AktivistInnen enttäuschte ehemalige Linke sind, aber sie spielen in der Szene zweifellos eine Rolle. Pasieka fasst diesen Befund diplomatisch zusammen: „Die Frage der Absenz der Linken ist generell sehr wichtig.“ (tg)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: Living right: an anthropological study of far-right activism
  • Laufzeit: 09/2018 – 03/2022
  • Projektteam: Agnieszka Pasieka
  • Institut: Institut für Kultur- und Sozialanthropologie
  • Finanzierung: FWF – Der Wissenschaftsfonds, Elise Richter Projekt

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