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Geschlechterforschung im Museum „erleben“

Überblick

  • Die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 war ein wichtiger Schritt für die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Ungleichheiten in Recht, Politik und Zusammenleben wirken dennoch bis heute fort.
  • Das Jubiläumsjahr 2018 nahmen ExpertInnen der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft zum Anlass für das interdisziplinäre Forschungs- und Ausstellungsprojekt frauenwahlrecht.at.
  • Das Projekt umfasst die Ausstellung „‚Sie meinen es politisch!‘ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich“, eine wandernde Wahlzelle als dezentrales Ausstellungsmodul sowie einen wissenschaftlichen Begleitband zur Ausstellung mit aktuellen Forschungsarbeiten.

Der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 ging ein stetiger Kampf gegen verschiedene gesellschaftliche Kräfte voraus. Um daran zu erinnern, hat ein Team mit unterschiedlichen Expertisen und Blickwinkeln die Ausstellung „‚Sie meinen es politisch!‘ 100 Jahre Frauenwahlrecht“ konzipiert. Im Interview erklärt Birgit Sauer, Politikwissenschafterin und eine der wissenschaftlichen Beirätinnen des Projekts, warum Wissenschaft (auch) ins Museum gehört.

Wahlrechtsdemonstration der SDAP in Ottakring 1913 (Foto: Kreisky-Archiv)

Die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 war ein Meilenstein für die Gleichberechtigung – wie kam es dazu?

Birgit Sauer: Der Einführung des Frauenwahlrechts ging ein langer Kampf voraus – nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern. In Großbritannien hatte es zum Beispiel militante Kämpfe der Suffragetten gegeben. In Österreich und Deutschland war es neben der bürgerlich-liberalen Frauenbewegung vor allem die sehr aktive sozialdemokratische Frauenbewegung, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts das Wahlrecht reformieren wollte. Ziel war zunächst die Abschaffung des Zensuswahlrechts, um allen Menschen jenseits ihres Einkommens Mitbestimmung zu ermöglichen. Bald schon haben sich Fraktionen innerhalb der Sozialdemokratischen Partei gebildet, die befürchteten, dass eine so breite Forderung nicht durchgehen werde. So wurde erstmal gemeinsam für das allgemeine Männerwahlrecht gekämpft, das 1907 eingeführt wurde. Im Ersten Weltkrieg wurden Frauen für die Heimatfront mobilisiert und als Ersatz für die Männer in die Erwerbsarbeit integriert. Das hat der Frauenbewegung wieder Auftrieb gegeben. Während der Revolution von 1918 waren sie schließlich erfolgreich und das allgemeine Wahlrecht wurde nach einem stetigen Kampf von Frauen eingeführt.

Um daran zu erinnern, haben Sie als Teil des interdisziplinären Projekts frauenwahlrecht.at anlässlich des Jubiläumsjahres eine Ausstellung im Volkskundemuseum Wien, die von März bis August 2019 lief, mitgestaltet. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Sauer: 2018/19 war in vielerlei Hinsicht ein ambivalentes Gedenkjahr: Die Einführung des Frauenwahlrechts im November 1918 und die ersten Wahlen, an denen Frauen teilnehmen durften, im Februar 1919, aber auch die Gründung der Ersten Republik und der „Anschluss“ an Nazi-Deutschland haben sich gejährt. Für uns stand fest: Wenn es Aktivitäten gibt, dann müssen Frauen darin sichtbar werden. Über eine wissenschaftliche Publikation hinaus wollten wir eine Form finden, die nicht nur den Intellekt, sondern auch andere Sinne anregt. Unser Ziel war es, auch Menschen außerhalb der Wissenschaft anzusprechen und sie für das Thema Gleichberechtigung zu sensibilisieren.

Wie wurden die wissenschaftlichen Ergebnisse in der Ausstellung „erlebbar“ gemacht?

Sauer: Die Ausstellung ist thematisch entlang von Orten organisiert. Beispielsweise war die Straße ein zentraler Ort im Kampf um die politische Gleichberechtigung von Frauen. Frauen haben Ende des 19.  Jahrhunderts den Skandal der Benachteiligung aus dem Familiären und Häuslichen hinaus auf die Straße gebracht. Es gab Demonstrationen, um für das Wahlrecht zu mobilisieren und den Ausschluss von Frauen öffentlich zu machen. Die Zweite Frauenbewegung hat dann in den 1970er-Jahren gemeinsam mit Künstlerinnen auf der Straße für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen und für mehr Autonomie gekämpft. Entlang der Straße konnten wir die Kämpfe vom 19. Jahrhundert bis in die Zweiten Republik nacherzählen und dabei auch ihre Ambivalenz thematisieren: Auf der Straße fand und findet Gewalt gegen Frauen statt bzw. es wurde immer wieder versucht, Frauen aus dieser Öffentlichkeit zurückzudrängen. Doch die Straße ist nur einer dieser „Orte“, in der Ausstellung werden ebenso das Wahllokal, der autonome Frauenraum, das sozialdemokratische Vereinslokal, das Haus und der Arbeitsplatz sowie das Parlament thematisiert.

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Die wandernde Wahlzelle war als dezentrales Ausstellungselement des Projekts an verschiedenen Institutionen in ganz Österreich zu Gast. Was hatte es damit auf sich?

Sauer: Die Wahlkabine ist ein Ort, an dem sich der demokratische Akt des Wählens vollzieht und den man symbolisch begreifen kann: Wer darf rein, wer nicht? Wer scheint auf dem Wahlzettel auf, wer nicht? Seit November 2018 ist unsere nachgebaute Wahlzelle als wandernde Ausstellung an verschiedenen Orten in den Bundesländern ausgestellt. Sie beleuchtet den Kampf um die politische Teilhabe von Frauen und wird vor Ort durch Objekte der jeweiligen Regionalgeschichte ergänzt.

Für welche Vermittlungsformate hat sich das Team in der Ausstellung entschieden?

Sauer: Neben Bildern und Texten konnten sich die BesucherInnen Audioaufnahmen, zum Beispiel Reden von Politikerinnen, anhören und es gab Videomitschnitte von Talkshows, in denen der süffisante Umgang mit Politikerinnen deutlich wurde. Wir haben auch Objekte anfertigen lassen, etwa Barrikaden, um die Ereignisse auf der Straße darzustellen. Sehr gut angekommen ist auch ein Abreißkalender mit Porträts von Frauen, die historisch und aktuell im Kampf um die Gleichberechtigung eine Rolle spielen. Neben dem wissenschaftlichen Begleitband, der in seinem Umfang und seiner Gewichtigkeit etwas erschlägt, gab es diese leichten Porträts, die man mit nach Hause nehmen, wieder durchlesen oder weitergeben konnte.

Wie lief die Arbeit hinter den Kulissen ab?

Sauer: Es war ein langer, gemeinsamer Prozess. Zu Beginn haben jeweils zwei KuratorInnen mit uns, den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats, Interviews geführt und uns gefragt, welche Inhalte wir in der Ausstellung sehen möchten. Das war zunächst überfordernd für mich, ich hatte zwar die Forschungsergebnisse im Kopf, konnte mir aber das visuelle Endprodukt nicht vorstellen. Die KuratorInnen – Remigio Gazzari, Veronika Helfert, Corinna Oesch, Johanna Zechner – haben aus allen Gesprächen etwas rausgenommen und uns darauf aufbauend ein Konzept vorgestellt. Das haben wir immer wieder diskutiert und in regelmäßigen Treffen aufs Neue überarbeitet.

Was haben Sie aus diesem stetigen Übersetzungsprozess – von der wissenschaftlichen Erkenntnis in ein konkretes Ausstellungsobjekt – mitgenommen?

Sauer: Offenheit für die Vermittlung: Mich hat schon immer die Inszenierung des weiblichen Körpers beschäftigt, wie der Körper von Frauen im parlamentarischen Raum als fremd wahrgenommen und konstruiert wurde. Ein wichtiger Aspekt war dabei die weibliche Stimme. Lange waren beispielsweise die Mikrofone im Nationalrat so eingestellt, dass die Frauen das Mikro schlecht erreichen konnten und sie so kaum hörbar waren. In der Ausstellung gab es dann so ein hoch aufgestelltes Mikro und die BesucherInnen konnten diese Form der Diskriminierung – aber auch die Macht des Mikros – nacherleben. Wissenschaftliche Erkenntnisse übersetzt in eine Installation – wie in diesem Beispiel – können auf einer anderen Ebene als dem Intellekt alleine wirken und bewusst machen.

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Welche Potenziale bietet eine Ausstellung als Form der Wissenschaftsvermittlung?

Sauer: Mit einer Ausstellung lässt sich ein viel größeres Spektrum an Personen erreichen. Zum Beispiel hat das Volkskundemuseum im Zuge von „100 Jahre Frauenwahlrecht“ ein museumspädagogisches Programm für Schulklassen auf die Beine gestellt. SchülerInnen, die noch nicht wählen dürfen, aber lernen sollen, wie Demokratie funktioniert, werden mit einer „klassischen“ Publikation nicht erreicht. Die Ausstellung folgt einer Logik, der man folgen kann, aber nicht muss – sie ist weniger disziplinierend als die wissenschaftliche Lektüre. Man kann an den Dingen, die man sieht, Freude haben, sie „erleben“ oder erkennt vielleicht Aspekte aus der eigenen Biographie wieder.

Was hat die Ausstellung ausgelöst oder gar verändert?

Sauer: Die Führungen, die teilweise von uns WissenschafterInnen gemacht wurden, waren auf Interaktion angelegt. Teilweise waren Personen dabei, die einige der Etappen der Gleichberechtigung, vor allem in der Zweiten Republik, miterlebt haben. Sie konnten von ihren Erfahrungen erzählen und haben so die wissenschaftliche Perspektive um persönliche Geschichten ergänzt. Doch es war nicht nur eine historische und historisierende Ausstellung: Die BesucherInnen wurden auch auf die Repräsentations- und Gleichstellungsdefizite von heute aufmerksam gemacht. Zudem gab es viele Medienberichte, beispielsweise eine Serie von Interviews mit den AusstellungsmacherInnen zu historischen Themen im ORF. Als die Regierung im Mai 2019 auseinandergebrochen ist und die Übergangsregierung mit einer Frauenquote von 50 Prozent und der ersten Bundeskanzlerin vorgestellt wurde, haben viele JournalistInnen an die Ausstellung angeknüpft. Mitglieder aus unserem Team wurden für Gespräche angefragt und es wurde breit darüber diskutiert, wie es mit Frauen heutzutage in der Politik aussieht.

Blaustrumpf ahoi (Hg.): „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich. Wien: Löcker Verlag 2019.

Wie sieht es denn heutzutage mit Frauen in der Politik aus?

Sauer: Die SPÖ und auch ÖVP haben, den Grünen folgend, eine Quotenregelung eingeführt, die zu einer Erhöhung des Frauenanteils im Nationalrat geführt hat. Doch die Quote allein reicht nicht, noch immer sind keine 50 Prozent erreicht. Im Gegenteil: Mit dem Erstarken der FPÖ seit 2006 ist der Anteil an Frauen im Nationalrat zunächst wieder gesunken. Ich glaube daran, dass Frauen zu 50 Prozent, entsprechend ihres Anteils in der Bevölkerung, im Nationalrat vertreten sein müssen. Dafür muss man noch weiterarbeiten. Große Themen in der Gleichstellungspolitik sind nach wie vor die Arbeitsteilung: Die Pflege für Kinder, Kranke oder ältere Menschen wird immer noch primär von Frauen erbracht – und dies führt noch immer zu ihrer Benachteiligung im Beruf. Da kann man gesetzlich eingreifen und Anreize für Männer schaffen, ebenfalls Betreuungspflichten zu übernehmen.

Die Ausstellung „‚Sie meinen es politisch!‘ 100 Jahre Frauenwahlrecht“ ist das Ergebnis erfolgreicher interdisziplinärer Zusammenarbeit. Gibt es Pläne, in dieser Konstellation weiterzuarbeiten?

Sauer: Es gibt Pläne für die Zukunft. Fast alle, die an dem Ausstellungsprojekt mitgearbeitet haben, sind auch im Forschungsverbund „Geschlecht und Handlungsmacht“ der Universität Wien aktiv. In dieser Form werden wir auch weiterarbeiten. Ein Aspekt, der uns aktuell beschäftigt, hat sich direkt aus dem Projekt „100 Jahre Frauenwahlrecht“ ergeben: Die Sichtbarkeit und Unsichtbarmachung von Frauen.

Vielen Dank für das Gespräch! (hm)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: frauenwahlrecht.at
  • KuratorInnen: Remigio Gazzari, Veronika Helfert, Corinna Oesch, Johanna Zechner
  • Projektleitung: Johanna Gehmacher, Gabriella Hauch, Maria Mesner
  • Gestaltung: Peter Karlhuber
  • Grafik: Gerhard Spring
  • Wissenschaftliches Komitee: Birgitta Bader-Zaar, Elisabeth Holzleithner, Heidi Niederkofler, Birgit Sauer
  • PR: Ines Zanella
  • Archivarische Beratung: Maria Steiner
  • Beteiligte und PartnerInnen: Ein Projekt der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte (ÖGZ) und des Johanna Dohnal Archivs in Kooperation mit dem Volkskundemuseum Wien, dem Frauenmuseum Hittisau, dem Kreisky-Archiv, dem Audiovisuellen Archiv und dem Referat Genderforschung der Universität Wien. Die Wahlzelle „‚Sie meinen es politisch!‘ 100 Jahre Frauenwahlrecht vor Ort“ wird zudem in Kooperation mit dem Frauenbüro der Stadt Salzburg, dem Stadtarchiv Salzburg, der Pädagogischen Hochschule Salzburg, dem Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich, dem Universitätszentrum für Frauen- und Geschlechterstudien an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, dem Rollettmuseum Baden und der Universität Wien gezeigt.

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