Blick nach gegen Boden auf den Gedenksteg, zwischen einzelnen Holzbrettern sind Metalllatten mit einer Inschrift verlegt.

Steg in den Gedenkwald Aspern. © POREM

Kampf um Erinnerungen

Überblick

  • Rund 1800 Erinnerungszeichen zum Austrofaschismus und Nationalsozialismus prägen seit 1945 den (teil-)öffentlichen Stadtraum von Wien.
  • Im Forschungsprojekt „POREM“ (Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces) erfassten WissenschafterInnen die Erinnerungszeichen in Wien und analysierten sie entlang räumlicher, zeitlicher, thematischer und sozialer Kategorien.
  • Ihre Forschungsergebnisse machten die WissenschafterInnen der Öffentlichkeit in Form einer interaktiven Landkarte zugänglich.

Wie wird im (teil-)öffentlichen Raum an die politische Gewalt des austrofaschistischen und nationalsozialistischen Regimes erinnert? Mit dieser Fragestellung im Gepäck durchstreiften WissenschafterInnen der Fakultät für Sozialwissenschaften den Wiener Stadtraum und stießen auf rund 1800 Erinnerungszeichen, die im Projekt „POREM“ zu Analyseobjekten wurden.

Straßenschild der Otto-Herschmann Gasse mit Zusatztafel: Dr. Otto Herschmann 1877-1942, Spitzensportler, Sportfunktionär

Das Projekt „POREM“ untersuchte auch „Leerstellen“ bei Erinnerungszeichen. © POREM

Unweit des Wiener Gasometers verläuft die beschauliche Otto-Herschmann-Gasse. Unter dem blau-weißen Straßenschild prangt eine Informationstafel: „Dr. Otto Herschmann (1877–1942); Spitzensportler, Sportfunktionär“. Was auf dem Schild nicht erwähnt wird, ist die Ermordung des Namensgebers. Otto Herschmann war jüdischer Herkunft und wurde am 14. Jänner 1942 von Wien in das Vernichtungslager Sobibor deportiert; er starb noch im selben Jahr im Durchgangslager Izbica.

„In der Erinnerungspolitik finden selektive Prozesse statt. Welche Informationen auf Gedenktafeln Platz finden, basiert auf Entscheidungen“, so Peter Pirker vom Institut für Staatswissenschaft. Im jüngst abgeschlossenem Projekt „POREM“ (Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces) untersuchte er, wie die politische Gewalt, die während des Austrofaschismus und Nationalsozialismus ausgeübt wurde, im Wiener Stadtraum erinnert wird – oder eben nicht. Analyseobjekte waren für Pirker und sein Team Erinnerungszeichen wie Denkmäler oder Gedenktafeln. Darunter waren solche, die auf die politische Gewalt Bezug nehmen, und andere, die – wie im Falle von Otto Herschmann – dies eben nicht ansprechen.

Wie wird der (teil-)öffentliche Raum zum Erinnern genutzt, welche politischen Prozesse laufen im Hintergrund ab und wie hat sich die Erinnerungskultur im Laufe der Jahre verändert?

Diese und andere Fragen brannten dem interdisziplinären Team von „POREM“ bei Projektbeginn unter den Nägeln. Sie nutzten Archive, Datenbanken, stürzten sich in die Medienrecherche und klopften bei öffentlichen Institutionen an. Für den Zeitraum bis 2000 konnten sie sich auf Kataloge des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes stützen. Wie sich herausstellte, wurden aber fast 60 Prozent der derzeit bestehenden Erinnerungszeichen erst danach errichtet. Auch ein großflächig verschickter Erhebungsbogen – adressiert an AkteurInnen der Erinnerungskultur wie Stadtverwaltung, Stiftungen oder Verbände – brachte wenig Rücklauf, sodass die WissenschafterInnen die Sache selbst in die Hand nahmen und den Stadtraum systematisch durchstreiften.

Ganz Wien

„Mit Inventarlisten und offenen Augen setzten wir uns auf die Fahrräder und fuhren die einzelnen Bezirke ab“, erklärt Peter Pirker. In einer Datenbank erfassten die ProjektmitarbeiterInnen alle thematisch relevanten Erinnerungszeichen, die seit 1945 im Wiener Stadtraum etabliert wurden. Sie stießen auf rund 1800 Objekte, von denen sie 1678 (Zeitraum 1945–2015) entlang räumlicher, zeitlicher, thematischer und sozialer Kategorien auswerteten.

Ergänzt wurde die Längsschnittstudie durch qualitative Fallstudien, in denen konkrete Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse zu einzelnen Objekten oder alltagskulturelle Praktiken des Erinnerns in den Blick genommen wurden. Ein Beispiel: Die frühere Benennungstafel des Moriz-Mayer-Parks in Hernals erinnerte an die musikalischen Erfolge des Komponisten Moriz Mayer. 2010 wurde die Tafel auf Initiative von dänischen Familienangehörigen und dem Bund sozialistischer Freiheitskämpfer Hernals gegen eine Tafel ausgetauscht, die auf Mayers Ermordung während des Nationalsozialismus hinweist. Andere Fallstudien analysierten die Transformation des Österreichischen Heldendenkmals, die Errichtung des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz oder die Verlegung von Erinnerungsplaketten für Opfer der Shoah im gesamten Stadtraum.

Grüne Gedenktafel im Moritz-Mayer-Park, welche die Deportation nach Lodz und die Ermordung von Grete und Moritz Mayer thematisiert.

„Während früher lokale UmsetzerInnen von Erinnerungskultur dominierten, geht der Trend heute Richtung glokale Erinnerungsketten. InitiatorInnen von Erinnerungszeichen oder ihren Veränderungen stammen häufig aus dem Ausland – wie im Fall von Moriz Mayer“, so Pirker. © POREM

Wissenschaft gestaltet Stadt

Ihr gewonnenes Wissen konnten Pirker und seine KollegInnen auch ganz praktisch einbringen. Als es darum ging, den Gedenkwald für 65.000 zwischen 1938 und 1945 ermordete jüdische BürgerInnen Wiens in Aspern umzugestalten, wurde die Expertise des Projektteams eingeholt. 1988 an der Stadtperipherie gepflanzt, ist der Wald heute ein stark genutztes Naherholungsgebiet der neu errichteten Seestadt Aspern. Gemeinsam mit der Wien 3420 aspern development AG und den LandschaftsarchitektInnen von zwoPK überlegten sie eine dialogische Neugestaltung: Teile des ehemaligen Flugfeldes Aspern wurden freigelegt und ein Steg in den Gedenkwald errichtet. „In den Holzsteg eingelassene Metalltafeln erinnern an die lokale Geschichte der zivilen Luftfahrt, an militärische Funktionen des Flugfeldes, etwa bei der Bombardierung Belgrads 1941, und thematisieren die Deportation der Wiener Juden und Jüdinnen vom Bahnhof Aspang im dritten Bezirk“, so Peter Pirker.

Unterschiedliche Zugänge zum Feld

Bei „POREM“ trafen ExpertInnen aus Politik- und Geschichtswissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie sowie Landschaftsplanung aufeinander. Die verschiedenen Blickwinkel brachten Vielfalt in den Forschungsprozess, erforderten aber eine intensive Abstimmung: „Zeit ist in der Drittmittelforschung die knappste Ressource. Interdisziplinäres Publizieren benötigt aber genau das. Wir haben deshalb neben klassischen Formaten auch andere Interventions- und Vermittlungsformen gewählt, die schneller sind als Buchprojekte“, erklärt Pirker.

Datenvisualisierung zwingt uns, zu reduzieren

Einen spannenden Prozess durchliefen er und seine TeamkollegInnen, als es darum ging, die Forschungsergebnisse in einer englischsprachigen interaktiven Karte zu visualisieren. Hier kooperierte des Projektteam mit der Designerin Tina Frank (Kunstuniversität Linz) sowie den Geographen und Spezialisten für Datenvisualisierung Christoph Fink (Universität Helsinki) und Ramon Bauer (Stadt Wien). „Dabei fand ein intensives Ausverhandeln statt – zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und einer userInnenfreundlichen Gestaltung. Letztlich hat uns die Datenvisulisierung genötigt, genaue Fragen zu stellen und präzise Antworten zu liefern.“

Formulierung von neuen Fragestellungen wird möglich

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die digitale Landkarte ermöglicht, verschiedene Ebenen von Informationen miteinander zu verknüpfen. Per Mausklick lässt sich so beispielsweise in Erfahrung bringen, wann welche Personen erinnert wurden, inwiefern das die Nutzung des öffentlichen Raumes verändert hat oder welche Gruppen nach wie vor marginalisiert werden. Die Karte stellt die bis dato einzige Vollerhebung von Erinnerungszeichen in Wien dar und öffnet die Türen für weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen, freut sich Pirker.

Auf die Erinnerungskultur einwirken

Doch damit nicht genug: Das Forschungsteam von „POREM“ hat auch den Anspruch, Stadtgeschichte und Erinnerungskultur einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ihre digitale Landkarte wollen sie daher Museen, Ausstellungen, Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie Vereinen und Initiativen zur Verfügung stellen. Gemeinsam mit der Stadt Wien integrierten Pirker und sein Team die „POREM“-Daten auch in deren Public-history-Plattform, das Wien Geschichte Wiki. Eine deutschsprachige Karte der Erinnerung bietet dort Beschreibungen aller Erinnerungszeichen, Fotos und eine Vielzahl an Filter- und Suchmöglichkeiten, etwa nach Namen. Stadt- und Erinnerungsgeschichte wird dadurch erlebbar und so wird die Erinnerungskultur beeinflusst: „Die digitalen Karten ermöglichen eine kritische Reflexion über die Erinnerung an politische Gewalt im öffentlichen Raum, damit sind sie Werkzeuge für ihre Weiterentwicklung. Zugleich zeigen sie, dass die stärksten Impulse der Veränderung in den vergangenen fünfzehn Jahren von Einzelpersonen und kleinen Vereinen gesetzt wurden“, sagt Pirker abschließend. (hm)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: „Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces: A Political and Social Analysis of Vienna“ (POREM)
  • Zeitraum: 1.1.2014 – 1.6.2016
  • „POREM“-Team: Walter Manoschek, Peter Pirker, Magnus Koch, Johannes Kramer, Mathias Lichtenwagner, Monika Palmberger, Philipp Rode, Eva Schwab; KooperationspartnerInnen: Tina Frank, Ramon Bauer, Christoph Fink.
  • Institut: Institut für Staatswissenschaft
  • Finanzierung: WWTF (Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds), National Fund of the Republic of Austria for Victims of National Socialism, Stadt Wien (MA 7), Bildungsministerium Bundeskanzleramt.
  • Kooperationen: Universität für Bodenkultur Wien, Kunstuniversität Linz

 Wissenschaftliche Beiträge

  • Peter Pirker: Vom Kopf auf die Füße. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in der Erinnerungslandschaft Wien, in: Juliane Alton et al. (Hg.): „Verliehen für die Flucht vor den Fahnen“. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien, Göttingen: Wallstein Verlag, 2016, S. 126–159.
  • Mathias Lichtenwagner: Belasteter Beton. Formen der Erinnerung an Orten der NS-Militärjustiz in Wien, in: Juliane Alton et al. (Hg.): „Verliehen für die Flucht vor den Fahnen“. Das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Wien, Göttingen: Wallstein Verlag, 2016, S. 104–124.
  • Peter Pirker, Johannes Kramer: From Traitors to Role Models? Rehabilitation and Memorialization of Wehrmacht Deserters in Austria, in: Eleonora Narvselius/Gelinada Grinchenko (Hg.): Formulas for Betrayal: Traitors, Collaborators and Deserters in Contemporary European Politics of Memory, Basingstoke: Palgrave Macmillan (Series Memory Studies) 2017, S. 59–85. DOI: 10.1007/978-3-319-66496-5.
  • Peter Pirker, Magnus Koch, Johannes Kramer: Contested Heroes, Contested Spaces: Politics of Remembrance at Vienna Heldenplatz/Ballhausplatz, in: Jörg Echternkamp/Stephan Jaeger (Hg.): Views of Violence. Representing the Second World War in Museums and Memorials, New York: Berghahn, 2019.

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