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Arbeit ohne Grenzen

Überblick

  • Die Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ziehen weitreichende Folgen mit sich: Das Leben wird schneller, flexibler und komplexer.
  • Die Nutzung von IKT ermöglicht es insbesondere in der Wissens- und Büroarbeit („Knowledgework“), Aufgaben zeit- und ortsunabhängiger zu erledigen.
  • Mechanismen der Beschleunigung und Flexibilisierung führen zu einer zunehmenden Auflösung der Grenzen (Entgrenzung) zwischen Erwerbsarbeit und privaten Lebensbereichen.

E-Mails nach Feierabend oder Skype-Meeting im Urlaub – ist das noch Arbeit oder schon Freizeit? Soziologen und PsychologInnen der Universität Wien beleuchten in einem gemeinsamen Forschungsprojekt, ob und wie sich die Grenze zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien auflöst.

In der U-Bahn die E-Mail von der Kollegin lesen oder Sonntagabend die Präsentation für den nächsten Tag vorbereiten – beide Tätigkeiten geschehen für die Arbeit, werden aber in der Regel aufgrund des untypischen Arbeitssettings nicht als Arbeitszeit anerkannt. Laut einer kürzlich in Deutschland veröffentlichten Studie (IZA/XING 2017: „Arbeiten in Deutschland“) beträgt die ‚freiwillige‘ arbeitsbezogene Techniknutzung von Personen, die wissensintensive Dienstleistungen verrichten, mittlerweile drei bis fünf Stunden pro Woche.

Für Dominik Klaus und Edo Meyer ist das nur Symptom eines größeren Phänomens: der IT-gestützten Entgrenzung der wissensintensiven Dienstleistungsarbeit. In ihrem interdisziplinären Dissertationsprojekt untersuchen sie gemeinsam mit Julia Schöllbauer und Benjamin Herr, wie sich die Grenze zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen durch neue Informations- und Kommunikationstechnologie zunehmend auflöst.

Aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, der Soziologie und der Psychologie, betrachten sie die durch IKT flexibler werdende Arbeit und daraus resultierenden Folgen für Knowledge worker. Julia Schöllbauer und Edo Meyer beleuchten mit psychologischer Expertise Themen wie Autonomie, Selbstkontrolle und das Bedürfnis nach Struktur. Aus arbeitspsychologischer Sicht geht es dabei einerseits um sich verändernde Anforderungen von Arbeit innerhalb von Organisationen und andererseits um die Bewältigungstrategien dieser durch die Arbeitenden. Dominik Klaus und Benjamin Herr stützen sich auf Theorien der subjektorientierten Arbeitssoziologie, um die individuelle Handhabung des Grenzziehungsmanagements und die damit verbundenen Herausforderungen und Ressourcen in den Blick zu bekommen. Dabei analysieren sie insbesondere Auswirkungen der Entgrenzung auf Identität und Anerkennung sowie Möglichkeiten des Widerstandes.

Die Flexibilisierung der Arbeit wirft Fragen auf

„Wie identifizieren sich Leute mit ihrem Job, wenn sie flexibel arbeiten? Im Alltag erleben wir, dass es normal geworden ist, innerhalb weniger Minuten auf Nachrichten zu antworten – ist das also auch in der Arbeitswelt die neue Art, Leistungsbereitschaft zu zeigen? Und wie beeinflusst das unsere Konzentrationsfähigkeit? Früher waren ArbeitnehmerInnen nur im Büro erreichbar. Durch das Verlassen des Büros konnten sie Feierabend machen und standen ihren KollegInnen und Vorgesetzten nicht mehr zur Verfügung. Heute sind sie mittels Smartphones und Mails auch nach Ende der Arbeitszeit noch erreichbar und müssen ihre Grenzen und Erholungsräume selbst schaffen – ist das nicht auch Arbeit? Das sind Fragen, mit denen wir uns nur selten bewusst auseinandersetzen, obwohl sie heutzutage viele Menschen betreffen und zu neuen Belastungen führen“, erklärt Dominik Klaus.

Mit einem Methodenmix aus Tagebuchstudien (kurze Befragungen, die mehrmals am Tag stattfinden können und im Schnitt ein bis zwei Wochen dauern) und Längsschnitterhebungen in der Psychologie sowie qualitativen Interviews mit ArbeitnehmerInnen arbeiten sie an der Schnittstelle zum Feld und verbinden psychologische mit soziologischen Werkzeugen. Durch Betriebsfallstudien sind Ausprägungen des Phänomens in den Interviews auch über verschiedene organisatorische Rahmenbedingungen hin vergleichbar, wobei die Untersuchungsfelder sowohl „traditionelle“ Berufe wie etwa die Unternehmensberatung sowie relativ neue Berufe wie die Virtuelle persönliche Assistenz umfassen. Die interdisziplinäre Herangehensweise im PhD-Projekt hat sich bereits als fruchtbar erwiesen – zum Beispiel kann die Arbeitssoziologie einen Beitrag zur Erklärung von unerwarteten Ergebnissen in der Arbeitspsychologie leisten.

Im Zuge ihrer Feldforschung und auch in der Fachliteratur stoßen sie immer wieder auf Ungereimtheiten, also Forschungsergebnisse, die konträr zu vorherigen Annahmen oder Theorien stehen. Teilweise wird das dann als „Paradox“ bezeichnet. Das in der Arbeitspsychologie als „Autonomy Paradox“ bekannte Phänomen beschreibt zum Beispiel, dass Angestellte mit viel Arbeitsautonomie, die in sehr flexiblen Berufen arbeiten, trotz ihres großen Handlungsspielraums sich selbst dafür entscheiden, mehr und vor allem permanent Arbeitsaufgaben zu erledigen. Die allgegenwärtige Möglichkeit des orts- und zeitunabhängigen Arbeitens macht dies sehr einfach möglich. Die Arbeitspsychologie sieht hier ein Paradox, wohingegen dieses Phänomen für die Soziologie etwa mit Konzepten wie der indirekten Steuerung oder der Subjektivierung erklärt werden kann.

Auch die unterschiedlichen Verständnisse von gleichen Begriffen (Autonomie, Identität u.ä.) führen zu fruchtbaren Diskussionen und bereichernden Sichtweisen. Dominik Klaus und Edo Meyer sehen aber noch Verbesserungspotential bei den Rahmenbedingungen: „Für fächerübergreifende Zusammenarbeit fehlen die institutionellen Voraussetzungen. Wir können nicht interdisziplinär dissertieren, sodass die Beschäftigung mit dem jeweils anderen Fach zum Mehraufwand wird.“

Massive Veränderungen sind vonstattengegangen, werden aber nicht als solche wahrgenommen

Ein Ergebnis ihrer gemeinsamen Untersuchung zeichnet sich schon jetzt ab: Viele Prozesse der Entgrenzung zwischen Arbeit und persönlichen Lebensbereichen laufen unterbewusst ab. „Im Schnitt schauen wir in unserer Freizeit alle 15 Minuten auf das Smartphone, merken es aber gar nicht mehr. Analog ist unseren InterviewpartnerInnen häufig nicht bewusst, wie neue Technologien die Arbeit verändern und dazu führen, dass Privat- und Berufsleben miteinander verschmelzen. Kleine Schritte verändern Gewohnheiten und Realitäten, die schnell zur Normalität werden“, so Edo Meyer. Die neuen Möglichkeiten der Techniknutzung lassen natürlich auch eine Verlagerung privater Angelegenheiten in die Arbeitszeit zu, die von den ArbeitnehmerInnen als neue Handlungsspielräume wahrgenommen werden und zumindest teilweise zu einem Ausgleich beitragen könnten.

Wir müssen überlegen, nach welchen Entscheidungskriterien wir die Grenzen der Arbeit ziehen

Mit ihrem Projekt möchten die JungwissenschafterInnen die technologiebedingten  Veränderungen in der Erwerbsarbeit zum Gegenstand der Diskussion machen und Reflexionsprozesse anregen: „Wenn Wissenschaft und Praxis gemeinsam über die Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Berufswelt nachdenken, können wir die Arbeitsbedingungen gemeinsam gestalten und in weniger belastende Bahnen lenken.“

Um Ausverhandlungsprozesse anzustoßen, spielen die ForscherInnen ihre Erkenntnisse in das Feld zurück: Sie präsentieren ihre Ergebnisse in Unternehmen, loten gemeinsam mit InterviewpartnerInnen Entscheidungskriterien der Grenzziehung aus und geben Tipps, wie ArbeitnehmerInnen mit Belastungen umgehen können. Sie halten Vorträge und sind bei Diskussionen vertreten, veröffentlichen Papers für die wissenschaftliche Community und arbeiten gerade an einem Sammelband, der sich auch an die breite Öffentlichkeit richtet.

Es gibt auch positive Beispiele in der „neuen Arbeitswelt“: Einige Unternehmen haben bereits eine automatische Sperre eingerichtet und stellen E-Mails nur an Werktagen durch – um die Gesundheit ihrer MitarbeiterInnen zu schützen. „Wir müssen die Mechanismen erkennen, um etwas ändern zu können. Auf dieser Grundlage lässt sich dann gemeinsam überlegen, wie wir Arbeit in Zukunft gestalten wollen.“ (hm)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: „ICT-enabled boundaryless work“
  • Laufzeit: 2017–2020
  • Beteiligte und PartnerInnen: Benjamin Herr (derzeit karenziert), Dominik Klaus, Edo Meyer, Julia Schöllbauer. Betreuung: Jörg Flecker, Christian Korunka
  • Institute: Fakultät für Sozialwissenschaften, Institut für Soziologie; Fakultät für Psychologie, Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft
  • Finanzierung: ÖAW – Österreichische Akademie der Wissenschaften (DOCteam-Stipendium)

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