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Wohnungslosigkeit: (Be)trifft es uns alle?

Überblick

  • Christoph Reinprecht und Irina Kachapova loteten in einem Forschungsprojekt neue Perspektiven auf das Thema Wohnungslosigkeit aus.
  • Sie fragten nach den strukturellen Ursachen für Wohnungslosigkeit, suchten nach Strategien zur Entstigmatisierung von wohnungslosen Menschen und beschäftigten sich mit dem Recht auf Wohnen und der gesellschaftlichen Verantwortung.
  • Hierfür wurde ein partizipatives Forschungsdesign entwickelt, welches es ermöglichte, gemeinsam mit den unterschiedlichen Akteur*innen im Feld Wissen zum Thema zu generieren.

Wer ist wohnungslos und wer kann es werden? Im Prinzip kann es uns alle treffen, sagen Christoph Reinprecht und Irina Kachapova. Das Risiko, plötzlich ohne eigenen Wohnraum dazustehen, ist heute viel höher, als es viele erwarten würden. Wohnungslosigkeit ist für die Betroffenen stark mit Scham behaftet und wird gesellschaftlich als individuelles Versagen gesehen. Dem möchten die beiden Soziolog*innen etwas entgegenstellen.

Im Zuge einer Neuausrichtung der Wiener Wohnungslosenhilfe gab der Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen eine Studie in Auftrag, welche sich mit alternativen Strategien im Umgang mit Wohnungslosigkeit beschäftigen und mit den Praktiken der Beschämung brechen sollte. Statt dem traditionellen Modell der Wohnungslosenhilfe, bei welchem die Überantwortung eines Wohnraumes an zuvor zu erfüllende Bedingungen geknüpft sind, bezog man sich stärker auf das Modell „Housing First“, bei welchem die Bereitstellung eines Wohnraumes an erster Stelle steht und welches weltweit Erfolge feiert.

Wohnungslosigkeit ist kein Randgruppenphänomen, sondern ein generalisiertes Risiko

Wohnungslosigkeit ist für viele Menschen ein Thema, das sie am liebsten weit wegschieben möchten und von dem viele glauben, dass es sie nie betreffen könnte. Dabei ist Wohnungslosigkeit schon lange kein Randphänomen mehr, wie das Team des Projektes „Ausgeschämt“ weiß: „Unterschiedliche Gründe können zur (vorübergehenden) Wohnungslosigkeit führen. Migration und Mobilität, Trennungen und Scheidungen, Familienneugründungen oder der Auszug von den Eltern, aber auch prekäre und informelle Arbeitsverhältnisse tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen in die Situation kommen, keine eigene Wohnung zur Verfügung zur haben“, berichtet der Soziologe Christoph Reinprecht. Diese Veränderungen und Brüche in den Biografien der Menschen kann der Wohnungsmarkt oft nicht auffangen. Die Wohnungen des privaten Mietwohnungsmarktes sind für viele Menschen unerschwinglich, vom Eigentumsmarkt ganz zu schweigen. Zudem produziert der Markt weitere Ausschlüsse, die nicht nur an die finanziellen Ressourcen der Wohnungssuchenden gebunden sind, sondern beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund, sehr junge Menschen oder Personen mit unregelmäßigen Beschäftigungsverhältnissen benachteiligen oder ausschließen. Der soziale Wohnbau hingegen ist nicht flexibel genug und nicht ausreichend finanziert, um auf die sich schnell verändernden Situationen von Menschen zu reagieren: Lange Wartelisten und zu erfüllende Kriterien verhindern, dass Menschen niederschwellig und rasch zu benötigtem Wohnraum kommen.

„Viele derjenigen, die sich plötzlich in der Situation wiederfinden, keine Wohnung mehr zu haben, finden Zwischenlösungen und kommen vorübergehend irgendwo unter“, merkt Projektmitarbeiterin Irina Kachapova an. „Trotzdem handelt es sich auch hier faktisch um Wohnungslosigkeit“, ergänzt sie. „Während der Corona-Pandemie konnte man sehr gut beobachten, dass Wohnungslosigkeit in unserer Gesellschaft kein Randgruppenphänomen ist, sondern es sich hierbei um ein generalisiertes Risiko handelt“, erläutert Reinprecht. Vielen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen wurde gekündigt, massenweise wurden Menschen in Kurzarbeit geschickt. Die Mieten wurden anfangs zwar bei Bedarf oftmals gestundet, allerdings sind diese Stundungen nun fällig und die meisten wissen nicht, wie sie die anfallenden Kosten bewältigen können. In diesen Fällen droht häufig Wohnungslosigkeit, für welche die Betroffenen nichts können. Dennoch haftet das Stigma der Selbstverschuldung daran, wohnungslose Menschen empfinden häufig Schamgefühle und versuchen ihre Situation zu verstecken.

Wohnungslosigkeit muss stärker als Thema der Wohnpolitik und nicht der Sozialpolitik verhandelt werden.

Aufgrund dieser Tatsachen schlägt das Forschungsteam vor, das Thema in Zukunft stärker in der Wohn- und nicht so sehr in der Sozialpolitik zu verankern. „Derzeit ist Wohnungslosigkeit und damit auch ihre Stigmatisierung institutionalisiert“, erklärt Reinprecht. „Sobald man wohnungslos wird, gibt es gewisse Mechanismen, die einsetzen, man wird von bestimmten Sozialeinrichtungen adressiert und von der sozialen Arbeit als unterstützungsbedürftig definiert.“ Das verstärkt das Stigma jedoch, anstatt es zu schwächen. Möchte man wieder eine Wohnung, muss man beispielsweise nachweisen, dass man überhaupt „wohnfähig“ ist, dass man über Einkommen verfügt, einer Beschäftigung nachgeht, etc. „Im Gegensatz zur Arbeitslosigkeit, bei der zwar auch viel mit Scham und Beschämung oder mit der Kategorie der ‚Verschuldung‘ gearbeitet wird, jedoch das Arbeitslosigkeitsrisiko durch die Arbeitslosenversicherung gedeckt wird, geht man bei der Wohnungslosigkeit in unserer Gesellschaft immer noch davon aus, dass es sich um ein individuelles Versagen handelt und nicht um strukturelle Probleme“, gibt Reinprecht zu bedenken. Seine Kollegin ergänzt: „Immer größere Gruppen haben keinen Zugang zum Wohnungsmarkt, da dieser keinen leistbaren und zugänglichen Wohnraum zu Verfügung stellen kann – insofern sollte Wohnungslosigkeit als Thema des Wohnbaus und der Stadtplanung und nicht als Thema der Sozialpolitik verhandelt werden.“ Hier kommt auch der Begriff der Verantwortung ins Spiel. Wer trägt Verantwortung dafür, dass immer mehr Menschen wohnungslos sind und die Mietpreise derart steigen, dass Wohnraum für einen immer größeren Bevölkerungsanteil unerschwinglich wird? Während in den sozialpolitischen Bereichen eine gesellschaftliche Verantwortung vorausgesetzt wird, existiert solch ein Verantwortungsbewusstsein in der Wohnpolitik kaum. „Dabei ist Wohnen ein Grundbedürfnis, wie Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung“, stellt das Forschungsteam klar. In diesem Kontext sehen die beiden auch die Frage nach dem Recht auf Wohnen. Ein einklagbares Recht auf Wohnen würde nicht nur der Wohnungslosigkeit entgegenwirken, sondern auch zu einer Entstigmatisierung beitragen und den Staat, das Bundesland oder die Stadt zur Übernahme von Verantwortung nötigen. Die Bereitstellung von zugänglichem Wohnraum, der also leistbar und an keine Bedingungen wie Einkommen(shöhe), Staatsbürgerschaft oder ähnliches gekoppelt ist, wäre somit Teil der staatlichen oder kommunalen Pflicht und Wohnungslosigkeit würde nicht mehr als individuelles Versagen bewertet, sondern als strukturelles Problem benannt werden.

Uns war es wichtig, ein partizipatives Forschungsdesign zu entwerfen und den unterschiedlichen Akteur*innen im Feld als Expert*innen zu begegnen

Um das Forschungsziel eines „Reframings“ der Wohnungslosenpolitik zu erreichen, entschieden sich Reinprecht und Kachapova dazu, auf diverse Methoden, beginnend mit der Szenariotechnik aus der Zukunftswissenschaft, zurückzugreifen. Entworfen wurde ein vierstufiges Verfahren, welches aus Workshops, Gruppendiskussionen und Einzelinterviews bestand. Gemeinsam mit dem Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen wurden Personen aus der Wohnungslosenhilfe als Teilnehmende angefragt. Weiters bemühte sich das Forschungsduo auch darum, von Wohnungslosigkeit Betroffene sowie Personen aus der Stadtplanung und der Stadtforschung für die Workshops zu gewinnen. Die Teilnehmer*innen trafen sich dann gemeinsam mit dem Forschungsteam an insgesamt vier Terminen, um in unterschiedlichen Settings das Thema zu diskutieren.

In einem ersten Schritt traf man sich, um gemeinsam eine Zeitreise in das Jahr 2070 zu unternehmen in welchem es – äquivalent zum AMS – das WMS, das Wohnungsmarktservice gibt. Diskutiert wurde nun, was für Erwartungen die Teilnehmenden an solch ein WMS hätten, was seine Aufgaben sein könnten und wo es institutionell verankert wäre. In diesen Gesprächen stand das Recht auf Wohnen als zentraler Punkt im Vordergrund. In einem nächsten Schritt wurden in Gruppendiskussionen Wege in die Wohnungslosigkeit besprochen und die Frage nach den Verantwortlichkeiten hierfür debattiert.

Danach folgten Einzelinterviews mit Teilnehmer*innen der Workshops, überwiegend Vertreter*innen der Wohnungslosenhilfe, in denen es darum ging, persönliche Vorstellungen des Wohnens zu reflektieren. Dies stellte sich jedoch als schwierigerer Prozess heraus als zuerst gedacht. „Wir haben den Interviewpartner*innen sechs Bilder, die eine Vielzahl von Interpretationen und Assoziationen zulassen, vorgelegt und sie gefragt, welches Bild für sie ihre Gedanken zum Wohnen am besten widerspiegle. Sobald sie sich für ein Bild entschieden haben, fragten wir nach ihren Beweggründen für die Entscheidung. Diese Methode nennt sich Laddering und ist darauf ausgerichtet, Wertstrukturen aufzudecken, welche das Handeln und Denken prägen“, berichtet die Soziologin. „Es stellte sich jedoch heraus, dass es für die Interviewten schnell unangenehm wurde, da viele Assoziationen, Vorstellungen und Bedeutungen, die wir mit dem Thema Wohnen verknüpfen, äußerst persönlich und intim sind“, erzählt sie weiter.

In dieser Situation entschied sich das Forschungsteam dazu, das Interviewdesign abzuändern. „Als wir gemerkt haben, dass für die interviewten Personen ein Rechtfertigungszwang entstand und sie sich teilweise unwohl fühlten, haben wir die Entscheidung getroffen, den Prozess anzupassen. Die sehr abstrakten Bilder, welche wir ursprünglich verwendet hatten, und welche sehr weitläufige Assoziationen bei den Menschen weckten, wurden durch eine Liste an Wohnpräferenzen ausgetauscht, welche sich deutlicher auf Funktionalität bezogen. Das hat die Gesprächssituation merklich entspannt“, führt Reinprecht aus.

In einem vierten und letzten Schritt traf man sich noch einmal zu einem De-Briefing Workshop. Hier wurden gemeinsam alle Forschungsergebnisse diskutiert, von den Teilnehmenden Feedback eingeholt und offene Fragen geklärt. „Es war uns wichtig, dass der Forschungsprozess partizipativ gestaltet ist, dass wir den Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen, sie als Expert*innen des Themas anerkennen und gemeinsam neues Wissen produzieren. Dies ist uns – dem Feedback nach zu urteilen, welches wir bekommen haben – auch gelungen“, freut sich Kachapova.

Ein hohes Potential des Projektes liegt darin, dass Verständigungsprozesse angestoßen werden

Das Schöne an diesem partizipativen Zugang des Projektes ist, dass ein Raum geschaffen wurde, in welchem sich Forscher*innen und Akteur*inne aus dem Forschungsfeld austauschen konnten, ein gemeinsamer Reflexionsprozess angestoßen und Wissen ko-produziert wurde. Dies hat auch Auswirkungen auf die Teilnehmer*innen: „Personen, die in der Wohnungslosenhilfe tätig sind, bekommen nicht immer die Möglichkeit, gemeinsam über die eigene Arbeit zu reflektieren, nach alternativen Strategien zu suchen oder sich mit den eigenen Vorstellungen und Normen von Wohnen auseinander zu setzen“, erklärt das Forscherteam und ergänzt: „Das kann natürlich auch Auswirkungen darauf haben, wie die einzelnen Personen ihre Rolle wahrnehmen oder wie ihre Vorstellungen von einer effektiven Wohnungslosenhilfe aussehen.“ Darüber hinaus leistet das Projekt noch einen anderen wichtigen Beitrag: „Ein zentrales Ergebnis unserer Forschung ist, dass es eine stärkere Integration des Wohnbausektors und des Wohnresorts in den Diskurs zu Wohnungslosigkeit braucht“, sagt Reinprecht. Doch ist es zurzeit nicht vorgesehen, dass Sozial- und Wohnresort sich gemeinsam mit Themen der Wohnraumversorgung beschäftigen. „Das Projekt hat das Potential, hier einzuhaken und Verständigungsprozesse in Gang zu setzen und im besten Falle dazu beizutragen, dass sich die Praxis verändert“, fügt der Soziologe hinzu. Vorschläge, wie ein Wohnungsmarktservice, eine Wohnungslosenversicherung oder kommunale Wohnberatungsstellen, welche sich um die Belange all jener kümmern, die auf Wohnungssuche sind (unabhängig davon, ob sie derzeit wohnungslos sind oder nicht), riefen bei Gesprächspartner*innen erstmals Irritation hervor. Sie eröffneten aber auch die Möglichkeit eines neuen Diskurses und weckten das Interesse an einem Perspektivenwechsel. „‘Aus-geschämt‘ schafft einen Raum, in welchem sich Wohn- und Sozialpolitik begegnen können und in denen Verantwortlichkeiten in Bezug auf das Phänomen Wohnungslosigkeit neu ausverhandelt werden können“, resümiert Kachapova. „Wir würden uns jedenfalls wünschen, dass diese Diskussion unter Beteiligung des gemeinnützigen und kommunalen sowie in letzter Konsequenz auch unter Beteiligung des privaten Wohnbausektors weitergeführt wird, so dass Wohnen wieder mehr als gesellschaftliches Gut betrachtet wird“, sind sich die beiden einig. (sbs)

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