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„… zu verstehen, was es heißt, alt zu sein“

Überblick

  • Das internationale Projekt GenPath beschäftigt sich mit dem Ausschluss von Menschen aus sozialen Beziehungen im Alter und beleuchtet dabei auch genderspezifische Unterschiede.
  • Der Mixed-Method-Ansatz sieht neben quantitativen Analysen über 200 Tiefeninterviews mit Menschen vor, die von sozialer Exklusion betroffen sind.
  • Auch die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf alte Menschen sind in den Fokus der Forschung geraten.

An dem Forschungsprojekt „GenPath – A life course perspective on the GENdered PATHways of social exclusion in later life, and its consequences for health and wellbeing“ sind insgesamt sieben Universitäten aus Österreich, Schweden, Norwegen, Spanien, Irland, der Tschechischen Republik und Israel beteiligt. Große Aufschlüsse erwarten sich die ForscherInnen von umfangreichen quantitativen Analysen, insbesondere aber von über 200 Tiefeninterviews – „eine einzigartige Quellenbasis“, wie die Wiener Projektmitarbeiterin Anna Urbaniak erzählt.

„Es ist riesig.“ Man spürt den Enthusiasmus, wenn die Soziologin Anna Urbaniak vom multinationalen Projekt „GenPath“ erzählt. „Es ist eine der herausragenden Eigenschaften dieses Projekts, dass es einen Mixed-Methods-Ansatz verfolgt“, präzisiert Urbaniak, die gemeinsam mit Projektleiter Franz Kolland den österreichischen Teil von GenPath am Institut für Soziologie koordiniert. „Wir analysieren nicht nur riesengroße Datenbestände – was eine hochkomplexe Aufgabe ist. In jedem der beteiligten Länder sollen darüber hinaus 30 Tiefeninterviews mit älteren Menschen geführt werden, die von Ausgrenzung/Exklusion aus sozialen Beziehungen betroffen sind – in Summe ergibt das eine einzigartige Quellenbasis.“

Das Projekt GenPath konzentriert sich auf Menschen nach dem Ende der Erwerbstätigkeit. In dieser Lebensphase ist soziale Inklusion – die Teilhabe am sozialen Leben, das Treffen von Freundinnen und Freunden, das persönliche Gefühl, sozial integriert zu sein – ein wesentlicher Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der mehr oder weniger automatische soziale Rahmen, der sich durch die Erwerbsarbeit ergibt, wegfällt. Bisherige Forschung hat gezeigt, dass Frauen ein überdurchschnittlich hohes Risiko haben, von sozialen Beziehungen ausgeschlossen zu werden: sie leben länger und sind daher häufiger verwitwet, sie haben ein durchschnittlich niedrigeres Bildungsniveau als Männer, häufiger unterbrochene Arbeitsbiografien und daher geringere Pensionseinkommen. „Uns interessiert aber vor allem der Aspekt der sozialen Beziehungen. Wir sehen uns an, wie Entscheidungen während des Lebens das Entstehen, die Persistenz, aber auch das Fehlen sozialer Beziehungen im Pensionsalter beeinflussen“, erläutert Urbaniak.

Jeder Jobwechsel, jede Phase der Arbeitslosigkeit, jeder PartnerInnenwechsel ist ein Störfaktor für soziale Beziehungen

Ein großer Teil des Projekts widmet sich der Sammlung, Vereinheitlichung und Operationalisierung quantitativer Daten. „Da sind wir mit den beinahe üblichen Problemen konfrontiert, wenn wir international Daten vergleichen wollen: Es gibt unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche Gründlichkeiten, unterschiedliche Kriterien, unterschiedliche Datenformate.“ Es war eine hochkomplexe Aufgabe, aus all dem Material Variablen zu extrahieren, die dazu beitragen können, das Phänomen der Ausgrenzung (Exklusion) aus sozialen Beziehungen im Alter zu beschreiben. Konkret geht es dabei um Umzüge aufgrund von beruflichen, privaten oder Bildungsentscheidungen, um Scheidungen und die Auflösung von Beziehungen oder um Einkommensniveaus. Jeder Jobwechsel, jede Phase der Arbeitslosigkeit, jeder PartnerInnenwechsel wirkt als Störfaktor auf die sozialen Beziehungen im Laufe eines Lebens. Dabei stechen nationale Unterschiede ins Auge, wie Urbaniak an einem Beispiel erklärt: „In Österreich hatten wir auffallend viele geschiedene Personen, manche sogar öfter als einmal geschieden; die haben den Fokus sehr stark auf die Gegenwart gelegt und den Beziehungskram hinter sich gelassen. In Irland hingegen ist das ganz anders. Da gibt es kaum Scheidungen, weil die gesellschaftlich nicht als vorteilhaft gesehen werden.“

Während die meisten projektbeteiligten Universitäten aufgrund der coronabedingten Einschränkungen mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sind, was die Durchführung von qualitativen Interviews betrifft, haben Anna Urbaniak und Katrin Lehner diesen Teil der Arbeit bereits erledigt. „Wir haben 30 Personen in der Altersgruppe 65+ interviewt, die Kriterien für ein Exklusionsrisiko erfüllen“, erzählt Urbaniak. „Da war natürlich gerade der erste Lockdown eine große Hürde, aber wir haben es geschafft, im Sommer 2020, also zwischen den Lockdowns, alle Interviews von Angesicht zu Angesicht durchzuführen.“ In diesem Zusammenhang hatte Corona sogar positive Auswirkungen, weil die Menschen großes Interesse am Austausch, an Gesprächen, an Interaktion hatten. „Und außerdem bekamen wir die einzigartige Möglichkeit, die Leute direkt nach den Auswirkungen der Covid-Krise zu fragen; das waren unerwartete, aber sehr wertvolle Einsichten.“

Ich will sehen, wie die Tränen meinen Körper verlassen

Bei der Suche nach den InterviewpartnerInnen waren den ForscherInnen der Universität Wien im Übrigen Organisationen wie das Rote Kreuz, das Hilfswerk und der Samariterbund behilflich. „Das war – zumindest bis zum Beginn der Pandemie, dann hatten die Institutionen natürlich ihren Fokus anderswo – eine ganz tolle Zusammenarbeit. Wir haben ihnen sehr präzise Informationen gegeben, welche Art von Person wir brauchen, um auch Diversität zu gewährleisten, und dann sind sie auf die Suche gegangen“, schildert Urbaniak den Prozess. „Wir haben das Projekt außerdem auf der Universität beworben und Menschen auf der Straße angesprochen, aber diese Methoden waren aus unterschiedlichen Gründen nicht so erfolgreich.“

Bei diesen Tiefeninterviews, die zwischen ein und zwei Stunden dauerten, kam es immer wieder zu höchst emotionalen Situationen (weshalb die Projektverantwortlichen auch die Genehmigung der Ethikkommission einholten), erinnert sich Urbaniak: „Es ist grundsätzlich großartig, mit alten Menschen zu arbeiten, diese Weisheit mitzuerleben, die sich im Verlauf eines Lebens ansammelt. Und für nicht wenige alte Leute war das Interview ein beinahe therapeutisches Setting. Wir haben viele schwierige Geschichten gehört, von gescheiterten Eltern-Kind-Beziehungen, von Gewalt und Missbrauch. Manche wollten immer weiter in die Tiefe steigen, auch wenn es emotional sehr beanspruchend war. Eine Frau sagte: ‚Ich will sehen, wie die Tränen meinen Körper verlassen, das tut mir gut!‘ Das war zwar nicht unser Plan, aber damit konnten wir umgehen.“

Das ForscherInnen waren gut vorbereitet und hatten Verhaltensmaßregeln ausgearbeitet, wie in solchen emotionalen Situationen zu verfahren sei. Urbaniak profitierte dabei von den Erfahrungen, die sie in einem vorangegangenen Forschungsprojekt gesammelt hatte. Im Vorfeld der Gespräche wurden eigene Trainings durchgeführt, um die InterviewerInnen mit potenziell schwierigen Situationen zu konfrontieren. „Und im Anschluss gab es ausführliche Nachbesprechungen und Reflexionen“, erzählt Urbaniak. „Wir haben denjenigen GesprächspartnerInnen, die emotional erschüttert oder belastet wirkten, eine Kontaktliste von psychosozialen Organisationen gegeben und sie auch einige Tage nach dem Interview kontaktiert, um zu fragen, wie es ihnen geht und ob sie irgendeine Form von Hilfe brauchen – ich bin eigentlich recht zuversichtlich, dass wir keine Traumata produziert haben, weder bei den Befragten noch bei den FragestellerInnen.“

Wir haben es mit einem hochkomplexen Phänomen zu tun, das wir erst verstehen lernen müssen.

Das Projekt GenPath versteht sich explizit auch als Wissensgenerator für die europäische Sozialpolitik. „Aber natürlich werden wir am Ende des Projekts auch nicht den Zaubertrank erfunden haben, den wir den politischen EntscheidungsträgerInnen einfach in die Hand drücken können“, relativiert Urbaniak. „Es wäre schon viel geholfen, wenn die Politik die Ausgrenzung/Exklusion aus sozialen Beziehungen im Alter als Phänomen anerkennen würde, mit dem man sich politisch beschäftigen muss.“ Denn soziale Beziehungen und deren Fehlen sind ein komplexes Phänomen, die Armutsgrenze ist dabei nicht das einzige Kriterium, ebenso wenig wie der Witwen- oder Witwer-Status oder das Vorliegen eines Einpersonenhaushalts. „Wir wollen – auf den unterschiedlichen nationalen Ebenen – sichtbar machen, wie der Fortschritt, die Flugbahn eines Lebens von sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexten beeinflusst wird. Und daraus wird klar, welch vielfältige Bedeutungen es haben kann, alt zu sein. Das würden wir gern besser verstehen.“

Urbaniak bringt ein weiteres Beispiel: Trauernde Witwer sind häufig völlig unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status von Ausgrenzung/Exklusion aus sozialen Beziehungen im Alter betroffen, weil mit dem Tod der Ehefrau auch der soziale Transmissionsriemen verloren geht. „Heute scheren wir alte Menschen gern über einen Kamm: Sie sind angeblich fragil, langsam und hilfsbedürftig. Diese Stereotype sind ein besonders krasses Beispiel für ageism“, erklärt die Soziologin.

„Selbstverständlich wollen wir am Ende unseres Projekts diverse Policy Briefs auf europäischer Ebene anbieten und Workshops in den teilnehmenden Ländern durchführen“, versichert Anna Urbaniak. „Aber, wie gesagt, wir haben es mit einem sehr komplexen Phänomen zu tun, für das wir erst ein tieferes Verständnis entwickeln müssen. Und dann kann man nationale politische Maßnahmen entwickeln.“ (tg)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: GenPath – A life course perspective on the GENdered PATHways of social exclusion in later life, and its consequences for health and wellbeing
  • Laufzeit: 03/2019 – 11/2021
  • Projektteam: Franz Kolland (Leitung), Anna Urbaniak, Katrin Lehner, Anna Wanka
  • Institut: Institut für Soziologie
  • Weitere Projektbeteiligte: Masaryk University (Brno, Tschechische Republik); Met Oslo Metropolitan University (Norwegen); University of Barcelona (Spanien); Linköping University (Schweden); National University of Ireland Galway (Irland); Haifa University (Israel)
  • Finanzierung: FWF – Der Wissenschaftsfonds, ERA-NET, GENDERNET Plus ERA-Net Cofund