Volkertplatz © Sylvaine Conord

Stadtforschung im „toten Winkel“

Überblick

  • Das Volkertviertel im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist ein gründerzeitliches Arbeiter*innenviertel mit geringer Wohnqualität, das seit einigen Jahren urbane Aufwertungsprozesse erfährt.
  • Mit den Maßnahmen zur Aufwertung ändert sich das soziale Gefüge im Viertel: Angehörige der einkommensstarken sozialen Mittelschicht beziehen zunehmend die sanierten und hochpreisigen Wohnungen, u.a. im ausgebauten Dachgeschoss.
  • „Aufwertung ist nicht schwarz-weiß“: Ein Team vom Institut für Soziologie hat die heterogenen Perspektiven der ansässigen Stadtbewohner*innen auf den Wandel des Volkertviertels erhoben.

Das rund um den Volkertplatz gelegene Arbeiter*innenviertel avancierte in den letzten Jahren zu einem der Orte Wiens mit der höchsten Dichte an ausgebauten Dachgeschossen, die das Gebiet für gut verdienende „Newcomer“ attraktiv machen. Wie die alteingesessenen und zugezogenen Bewohner*innen des Volkertviertels die Aufwertungsprozesse wahrnehmen, untersuchen die Stadtsoziolog*innen Christoph Reinprecht, Christina Liebhart und Camilo Molina.

Das Volkertviertel, im „toten Winkel“ des zweiten Wiener Gemeindebezirks zwischen Taborstraße, Heinestraße und Nordbahnstraße gelegen, sorgte 2014 für Schlagzeilen, als das besetzte Haus Pizzeria Anarchia mit einem polizeilichen Großaufgebot geräumt wurde: Aktivist*innen und langjährige Mieter*innen hatten sich zuvor solidarisiert, da ihr Wohnhaus in der Mühlfeldgasse totalsaniert werden und hochpreisigen Mietobjekten weichen sollte. „Das Verdrängen der alteingesessenen Bewohner*innen ist die Kehrseite der Stadterneuerungen im Volkertviertel“, gibt Christoph Reinprecht zu bedenken.

Unweit des ehemaligen Nordbahnhofs gelegen, war das Volkertviertel schon in der Habsburgermonarchie ein Ort des Ankommens. In den 1960er-Jahren besiedelten Arbeitsmigrant*innen das Viertel und prägten dessen proletarischen Charakter. Auch die aktuellen Daten aus dem Wiener Melderegister indizieren einen hohen Anteil an Bewohner*innen mit Migrationshintergrund, so Christina Liebhart, die im Rahmen des Projekts „Rester en Ville“ ihre Masterarbeit zu den „Locals“ des Volkertviertels verfasst hat. „Das Gebiet hat seine traditionelle Funktion als ‚Integrationsmaschine‘ für Zuwanderung bewahrt, das heißt er bietet leistbaren Wohnraum und mit dem Volkertplatz auch einen wichtigen öffentlichen Treffpunkt für das soziale Leben“, so die Forscherin.

Volkertviertel

Seit der Deklarierung zum Ziel-2-Gebiet des EU-Strukturförderungsprogramms 2002 steht das Wiener Volkertviertel im Zeichen des Stadtwandels. Die Neugestaltung des Volkertplatzes, die Anbindung an die U-Bahn und die Sanierung des Altbaubestandes machen das Gebiet für die soziale Mittelschicht attraktiv – für die „Locals“ bringt die Aufwertung aber auch nicht-erwünschte Konsequenzen mit sich, so die Stadtsoziolog*innen.

Mit der hohen Präsenz an einkommensschwachen, migrantischen Bevölkerungsgruppen bei gleichzeitiger innerstädtischer Wohnlage „qualifizierte“ sich das Volkertviertel für die Studie „Rester en ville“, in der sich im Wandel befindliche Viertel in Wien, Paris, Brüssel und Lissabon miteinander verglichen wurden, erklärt Christoph Reinprecht, Leiter des Wiener Teams. Mit den Forschungskolleg*innen aus Frankreich, Belgien und Portugal wurde eine gemeinsame Methodologie entwickelt, die in allen vier Stadtteilen zum Einsatz kam: Interviews mit Stakeholdern der Stadtplanung, pro Viertel rund 60 Interviews mit alteingesessenen Bewohner*innen und stadtethnographische Fotospaziergänge.

Der Forschungsprozess war ein gemeinsamer Prozess

„Der Forschungsprozess war ein gemeinsamer Prozess. Herangehensweisen und Auswertungslogik wurden mit den internationalen Kolleg*innen diskutiert und rückgekoppelt.“, so Christoph Reinprecht. Unter den Befragten wurden Freiwillige gesucht, die mit einer anthropologisch geschulten Fotografin durch ihr Viertel spazieren und jene städtischen Kontexte benennen, die ihnen im Hinblick auf die Fragestellung relevant erscheinen. „Wir wollten die Bewohner*innen interaktiv miteinbeziehen. Die Ergebnisse unserer Forschung und die entstandenen Fotografien haben wir in Form einer Ausstellung am Institut für Soziologie und im Viertel selbst präsentiert – nicht nur Personen aus Forschung und Stadtpolitik sollen Zugang zu dem generierten Wissen haben, sondern auch die lokale Bevölkerung.“

Denkprozesse anstoßen

Im Forschungsprozess wurde mit alteingesessenen „Locals“ gesprochen, mit „Newcomer“, mit engagierten Stadtbewohner*innen und Menschen, denen man zufällig begegnete: „Wir konnten – zumindest für einen Moment – bewirken, dass die Personen über Wohnen und die Qualität ihres Viertels nachdenken. Ob es in dem Sinne manifest wird, dass sich die Menschen aktiv einbringen und ihr Viertel partizipativ gestalten, können wir nur hoffen“, sagt Reinprecht.

Politische Rahmenbedingungen beeinflussen die Forschung

Der Zugang zum Feld war jedoch auch mit Schwierigkeiten verbunden: „Die Menschen legten ein gewisses Misstrauen an den Tag und hatten deutlich höhere Vorbehalte, an Umfragen teilzunehmen als noch vor zehn Jahren“, erinnert sich Reinprecht, der schon lange zu „Orten im Schattendasein“ forscht. Er vermutet einen spürbaren Effekt der veränderten politischen Rahmenbedingungen und des lauter werdenden rassistischen Diskurses, die insbesondere die migrantische Population beeinflussen.

Aufbauend auf der Studie „Rester en ville“ hat sich Camilo Molina im Zuge seiner Masterarbeit ein konkretes Phänomen der Altbausanierung vorgenommen: den Ausbau der Dachgeschosse. Die Errichtung von Dachgeschosswohnungen hat im Volkertviertel ab Mitte der 2000er stark zugenommen. „Laut einer Erhebung 2016 hatte nahezu die Hälfte der Gründerzeithäuser im Volkertviertel ausgebaute Dachgeschosse, die Hälfte von ihnen war weniger als zehn Jahre alt – wie sich der Dachausbau auf die Zusammensetzung der Bevölkerung im Viertel auswirkt, ist aber relativ unbekannt“, so Molina. Für seine Masterarbeit hat sich der Stadtforscher dieses Desiderats angenommen und drei Monate im Feld verbracht.

Aus der Anzahl an identifizierbaren Dachböden zog Molina eine Stichprobe und befragte die Bewohner*innen – sie sind „fast ausschließlich deutscher Erstsprache, im Besitz eines tertiären Bildungsabschlusses und in einer höheren Berufsposition“. Einige zeigten sich „grätzlaffin“, andere abgeneigt.

„Der Volkertplatz ist ja bevölkert von Albanern, jeden Abend (…). Und das gefällt mir eh schon wieder, also diese reinen Boboviertel finde ich einfach so öde.“

Oder: „(…) ich würde mir wünschen, dass das Niveau noch ein bisschen steigt von den Leuten und dass auch mehr Geschäfte noch sind und mehr Aktivitäten.“
(Auszüge aus den Interviews)

Was Molina weiters beobachten konnte: „Durch den Dachausbau entstehen Wohnungen von hoher Qualität. Sie haben Terrassen, Lichtdurchflutung, Abgeschiedenheit im obersten Stockwerk, geräumige Flächen und geringe Abnutzung. Durch die ‚freie‘ Vermarktung haben diese Wohnungen aber auch ihren Preis.“

Gentrifizierung zeigt sich in unserer Studie als verzweigter und widersprüchlicher Prozess – Christina Liebhart

Die Forschungsarbeiten von Christina Liebhart, Camilo Molina und Christoph Reinprecht bringen eine neue Perspektive in die Stadtforschung ein. „Wir wollten auch auf jene schauen, die schon immer da waren, nicht nur auf die Pionier*innen der Gentrifizierung. Was heißt es, im Viertel bleiben zu wollen? Die Antwort darauf ist weder schwarz noch weiß, es gibt eine Vielfalt an Motivationen und Beweggründen, die bei baupolitischen Vorhaben nicht außer Acht gelassen werden dürfen.“ (hm)

Eckdaten zum Projekt

  • Titel: „Rester en ville“
  • Laufzeit: 2014–2017
  • Projektteam: Christoph Reinprecht, Christina Liebhart, Camilo Molina
  • Institut: Institut für Soziologie
  • Finanzierung: Plan Urbanisme Construction Architecture (PUCA, Paris)

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